„Aus dem Nähkästchen plaudern“

Aus dem Fundus unserer Sprache

Serie Redensarten, Nähkästchen, Garnrollen und Nähzubehör, Foto Ute Boysen

Lässt man sich einmal ganz bewusst und langsam die einzelnen Worte eines Sprichwortes durch den Kopf gehen, dann fällt doch so manches Mal eine gewisse Unsinnigkeit auf. „Jemandem auf den Zahn fühlen“ beispielsweise oder „Etwas durch die Blume sagen“. Wie sollen wir uns das vorstellen? Wer, den Zahnarzt einmal ausgenommen, fasst schon die Zähne anderer Menschen an oder hält sich beim Sprechen eine Blume vor den Mund?

Schnell wird so auch einem Deutsch Lernenden klar, dass hier andere Hintergründe und Bedeutungen vorliegen müssen. Schließlich haben auch wir im Englischunterricht gelernt, dass „It is raining cats and dogs“ nicht etwa das Regnen von Katzen und Hunden meint, sondern einen regelrechten Wolkenbruch beschreibt. Sprichwörter dieser Art gibt es also auch in anderen Ländern, nur die Bedeutungen, die sollten spätestens bei der Anwendung bekannt sein.

„Aus dem Nähkästchen plaudern“ – dieser Redensart bin ich nachgegangen, weil wir uns wieder einmal in einer handarbeitsreichen Zeit befinden, in der dieses Mal sogar Männer Spaß am Hobby finden.

Gertrud V., 88 Jahre, kennt das Sprichwort schon lange. „In einer Gruppe wird Vertrauliches erzählt und Einige erzählen es doch weiter, obwohl es geheim gehalten werden sollte“, meint sie. Etwa achtzig Jahre alt wäre diese Redensart bestimmt, denn schon als Kind wäre ihr diese bekannt gewesen. Aber selbst anwenden würde sie die Worte nicht.

Auch die 19jährige Julia S. antwortet augenblicklich, dass es sich hier um etwas Erzähltes handelt. „Wenn man Dinge weitererzählt, die nicht unbedingt für alle bestimmt sind“. Sie stellt sich sogar bildlich vor „wie vor langer Zeit alte Damen beim Handarbeiten zusammen saßen, sich unterhielten und Geschichten erzählten.“ Ein älteres Sprichwort sei es wohl und in ihrer Generation nicht mehr so sehr im Sprachgebrauch.

Das mag durchaus sein, denn so manch eine Redensart schafft nicht den Sprung in die nächste Generation. Allerdings finden wir das Sprichwort „Aus dem Nähkästchen plaudern“ sogar in der heutigen Presse wieder. Und das nicht nur in den neuen Medien, sondern auch in Zeitungen und Zeitschriften. Achten Sie einmal darauf, Sie werden überrascht sein über die Häufigkeit der Anwendung. Und was genau bedeutet es nun wirklich?

Werfen wir einen Blick zurück in eine Zeit, in der das Handarbeiten einen etwas anderen Stellenwert besaß als heute. Im einfachen Volk stand hier das Ausbessern und Flicken von Kleidungsstücken an erster Stelle, in den gehobenen Gesellschaftsschichten jedoch saßen die Damen handarbeitend beisammen, um gemeinsam mehr oder weniger Zeit „totzuschlagen“ oder an ihren Aussteuerteilen zu sticken und zu häkeln. Das Wichtigste allerdings waren die Unterhaltungen von Frau zu Frau, die gerade um den Nähkasten herum stattfanden – denn hierher verirrte sich selten ein Mann.

Gerade dieser Umstand ist nun der springende Punkt, denn ein Nähkasten war demnach für die Männer völlig uninteressant. Was sollten sie auch schon mit Nadeln, Garnen, Spitzen oder Fingerhüten anfangen? Und so war es für die Frauen damaliger Zeit naheliegend, Geheimnisse wie Liebesbriefe oder kleine Geschenke gerade in diesem Nähkasten zu verstecken.

Heutzutage handelt es sich eher um kleine Boxen oder Schachteln mit verschieden großen Unterteilungen, damals gab es noch Nähkästen zum Auseinanderziehen mit mehreren Schubfächern und noch früher sogar recht große fahrbare Nähkästen. Sehr beliebt waren auch Nähtischchen zum Aufklappen, doch boten diese keine Versteckmöglichkeiten. Saßen also die Damen zum Handarbeiten zusammen, so erzählten sie sich auch so manch eine pikante Kleinigkeit unter dem Siegel der Verschwiegenheit… oder lasen sogar die versteckten Briefe ihrer Liebhaber vor.

Wie immer und überall und zu jeder Zeit hat Verschwiegenheit nicht bei allen Menschen die gleiche Bedeutung und es kommt, wie es kommen muss: etwas Geheimes, Vertrauliches wird weitergetragen. Hier ist nicht das so genannte Verplappern gemeint, das unüberlegte Weitergeben, sondern das gezielte Tratschen (hinter vorgehaltener Hand) wie wir es wohl heute nennen. „Aus dem Nähkästchen plaudern“ hört sich in jedem Fall viel angenehmer an.

Nicht außer Acht lassen sollten wir allerdings die Plaudereien aus dem eigenen Nähkästchen, denn nicht immer handelt es sich um Fremdgeschichten, die weitererzählt werden. Sehr Privates oder gar Intimes vertrauen wir gewöhnlich nur besten Freunden/Freundinnen an. Doch auch dieses Anvertrauen bedeutet letztendlich nichts anderes, als aus dem Nähkästchen zu plaudern, etwas zu verraten.

Betrachten wir also das Sprichwort „Aus dem Nähkästchen plaudern“ unter dem Aspekt des „Verratens von Informationen, die besser verborgen blieben“, dann hört sich die so nett formulierte Redensart plötzlich gar nicht mehr so harmlos an. Und das wiederum sollte uns gerade bei Pressemitteilungen aufhorchen lassen, denn für Ausgeplaudertes dieser Art sind wir Menschen mehr oder weniger alle empfänglich.

(Erstveröffentlichung Dezember 2014)

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here