Abtauchen in die Welt der Bücher

Stadtbücherei, Bibliothekarin Anja Frembgen am Arbeitsplatz, Foto Ute Boysen

Die Bibliothek – ein Ort der Stille

Diesen Bericht schrieb ich bereits im Jahr 2012. Mit dem Leiter der Stadtbibliothek konnte ich ihn nun auf Aktualität hin überprüfen und ergänzen.

Zum Thema „Stadtbibliothek“ werden die Bürger über Statistiken, Umfrageergebnisse  oder Bücherei-Etats der Kommunen informiert. Unter dem Aspekt, dass eine Stadt „sich eine Bibliothek leistet“, sind diese veröffentlichten Zahlen wichtig. Doch das ist nur die sachliche, die rechnerisch rentable oder unrentable Seite. Hinter dem Begriff „Bücherei“ steht jedoch für jeden Nutzer viel mehr. Die Welt der Bücher zu betreten bedeutet gleichzeitig, in Ruhe einzutauchen.

Reinhold Sprinz, Leiter der VHS und Stadtbibliothek, studierte Germanistik, Philosophie und Theologie mit dem Schwerpunkt „Literaturwissenschaften“, womit er sich per se „den Worten“ verschrieben hat. „Ich liebe die Bibliothek. Schon als Schulkind habe ich in Münster die Pfarrbücherei besucht und alles gelesen, was für Kinder angeboten wurde“. Die Stadtbibliothek sei heute sein zentraler Lebenspunkt geworden. Mit seinem Team, bestehend aus einem Diplom-Bibliothekar, Buchpflegerinnen und Bibliotheksassistenten, setzt Sprinz alles daran, den Besuchern eine stimmige Medienwelt nahezubringen. Vordergründig steht hier immer das Buch, doch erweitert die Bücherei kontinuierlich ihre Angebote im Zeichen der Zeit.

Stadtbücherei, übersichtliche Anordnungen der Medien, Foto Ute Boysen

Die Geschichte der wissenschaftlichen Bibliotheken reicht weit zurück. In unserem Land spielte das 17. Jahrhundert nachweislich die wichtigste Rolle dabei, sogenannte Leseräume der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Doch erst ein Jahrhundert später sollten auch Volksbibliotheken eröffnet und selbst  in kleinsten Gemeinden als „Wanderbibliotheken“ angeboten werden (im Norden Kenias gibt es bis heute die einzige Kamelbibliothek der Welt). Ende des 19. Jahrhunderts schließlich entstanden auch öffentliche Bibliotheken, in denen gegen eine geringe Gebühr oder kostenlos Bücher ausgeliehen werden konnten (Bücherhallenbewegung, zur Förderung der Volksbildung).

So lange besteht nun unsere Bücherei noch nicht. Dennoch. Auch unsere Stadtväter haben sich schon vor langen Jahren dazu entschieden, den Bürgern für einen geringen Obolus die Welt der Bücher zugänglich machen zu können – und damit zu Bildung und Kultur.

Stadtbücherei, Sandra Gerten, Verwaltungsfachangestellte der Stadt, in der Buchpflege tätig, Foto Ute Boysen

Neben dem „Lernen wollen“ steht jedoch auch das „Abtauchen in die Geschichte der Bücher“ für die Nutzer im Vordergrund. War es noch vor einigen Jahren unumgänglich, in der Bibliothek nach Recherchematerial zu suchen, Lexika zu wälzen und Fachliteratur zu studieren, so haben sich heute die Arbeitsweisen verschoben. Das Medium Computer und  der Internetzugang ermöglichen von zu Hause aus diese aufwändigen Vorgehensweisen. So verzeichnet die Bücherei denn auch einen Rückgang an der Sachliteratur-Ausleihe. CD’s und DVD’s seien ebenfalls stark rückläufig in der Nachfrage. Dies begründet sich auf die Mediathekenangebote im Internet.  Aber Sprinz weist auch auf die Wichtigkeit „gesicherter Information und Unterstützung bei Recherchearbeiten gerade in Zeiten des Internets“ hin.

Und dann wäre da ja noch die Welt der Belletristik, der Romane, der schönen Literatur zu nennen. „Hier ist eindeutig eine Steigerung in der Ausleihe zu vermerken. Der Trend muss gesellschaftliche Wurzeln haben. Das wohltuende Abtauchen in die Geschichten der Bücher einerseits und das Wiederfinden eigener Lebenssituationen wirkt entspannend auf die Leser, “ beschreibt es der Bibliotheksleiter.

Wer selbst gerne und häufig liest, nimmt in der Regel auch schon sehr früh die eigenen Kinder mit zur Bücherei. Spielerisch werden sie so herangeführt an Bücher und neugierig gemacht auf Inhalte. Sprinz berichtet, dass sich das Angebot an Brett- oder elektronischen Spielen nicht nur vergrößert habe im Laufe der Zeit, sondern die Ausleihzahlen kontinuierlich stiegen. Um sich als Schulkind dann wirklich zurechtfinden zu können bietet die Bücherei wöchentlich (bei Bedarf und auf Nachfrage der Schulen oder Kindergärten) Führungen an. Hier lernen die Kinder alles zur zielgerichteten Recherche, etwa für Aufsätze. Aber auch, dass sie  ohne soziale, religiöse oder wirtschaftliche Begrenzung Zugang haben zu Bildung, Kultur und Unterhaltung. Dies gilt gleichermaßen für Senioren- oder Familiengruppen.

Genau das hat die Nutzergruppe 65 Plus schon lange für sich entdeckt. Unterhaltung durch und über Bücher oder einfach mal ein Gespräch über Gott und die Welt – häufig oder sogar täglich trifft man Senioren in der Bücherei beim Zeitung lesen an.

Stadtbücherei, Veronika Taheri, Verwaltungsfachangestellte der Stadt, ín der Buchpflege tätig, Foto Ute Boysen

Manch ein Befragter gibt allerdings auch zögerlich zu, dass er doch lieber seine Bücher kaufe, aus Hygienegründen. Dazu  mache ich mir nun mein eigenes Bild und schaue einer Buchpflegerin über die Schulter. Der Leiter der Bücherei berichtet: „Jedes Buch wird begutachtet und gereinigt, denn die Hygiene ist ein wesentlicher Bestandteil der Bibliotheksarbeit. Die Grundreinigung erfolgt  mit einem in Lauge getränkten Lappen und das Buch ist anschließend desinfiziert.“ Mit Klebstoff, Leim und Werkzeugen richtet die Buchpflegerin jedes angeschlagene Buch wieder liebevoll und vorsichtig her.

Stadtbücherei, Blick in die Kinder- und Jugendabteilung, Foto Ute Boysen

Interessant ist nun noch die Frage danach, wer denn den Bücherbestand festlegt. Welche Themen gefragt sind, welche Mengen angeschafft werden sollen und aus welchen Bereichen? „Die Bibliothekare haben eigene Lektorate, das heißt, sie sind zuständig für festgelegte Bereiche wie zum Beispiel Romane“, erklärt mir Sprinz. Hier handelt es sich überwiegend um nachfrageorientiertes Arbeiten, denn die Veränderungen bei den Lese-Interessen verändern das Angebot. Der Bibliothekar hat bei Anschaffungen von Büchern die Wirtschaftlichkeit zu beachten und er sollte sortimentsorientiert Ergänzungen  vornehmen. „Die Budgets sind definiert, aber die völlig freie Entscheidung liegt in den Bereichen, was eine permanente Angebots-Veränderung ermöglicht“, betont der Leiter der Bücherei. Um den Umfang der Angebote ein wenig abschätzen zu können, hier ein paar Zahlen: rund 130.000 Medien bietet die Bibliothek an, mehr als 31.000 elektronische Medien stehen zur Verfügung und mehr als 27.000 Entleihen fanden online im Internet unter www.muensterload.de in der so genannten „Onleihe“ statt.

Die wohl gravierendsten Veränderungen der Stadtbibliothek zu früheren Zeiten stellen die neuen Medien dar. Qualitativ hochwertige Angebote bei den Musik CDs und DVD Filmen sowie das weitreichende Feld rund um den Computer ergänzen die Informationswelt der Bücherei.

Ob und wie das Buch jemals ersetzt werden könnte wissen wir heute noch nicht. Ob wir das Buch ersetzt haben wollen entscheiden wir selbst. Annehmen sollten wir jedoch jedes Angebot zu Bildung, Kultur und Kommunikation in der Stadtbibliothek – und der Stadt danken dafür.

http://www.bocholt.de/seiten/bocholt/bildung_und_kultur/stadtbibliothek.cfm
http://drittewelt.de/afrika/karawane-der-bucher-kenias-kamel-bibliothek

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