Als der Fernseher noch nicht TV hieß

 

Serie WDN, Ewald Betting heute, Foto Ute Boysen

„Weißt du noch?“

Ja, das waren noch Zeiten, als Fußballspiele, Nachrichten und Hörspiele die Menschen durch das Radio erreichten und Kinobesuche besondere Ereignisse darstellten. …dann hielt der Fernseher Einzug in die Haushalte – und alles änderte sich. Wie war diese Zeit des „Medien-Umbruchs“? Oder anders gefragt, welche Bedeutung hatte es für die Menschen damals? Ewald Betting, Jahrgang 1941 erinnert sich sehr genau an sein erstes Erlebnis mit einem Fernseher. „Als ich 12 Jahre alt war, also 1953, fand die Krönung der englischen Königin Elisabeth statt. Und diese Zeremonie wurde im Fernseher übertragen. Weil wir natürlich zu Hause noch kein Gerät stehen hatten, bin ich zur Ravardi Straße gelaufen und habe dort vor dem Schaufenster von Radio van Oepen die Krönungsübertragung verfolgen können.“

Ein Programm gab es damals erst, die Allgemeinen (A) Rundfunkanstalten ( R ) Deutschlands (D), erstes Programm genannt. Die ARD, wie wir es heute kurz nennen.  Damals strahlte der Kanal bestimmte Sendungen nur zu bestimmten Zeiten aus, wie die Krönung der englischen Königin. Betting erzählt, dass die Ravardistraße vor dem Schaufenster mit dem Fernseher so voll gewesen sei, wie heutzutage am Morgen des Heiligabends. (Anm. der Autorin: In unserer Stadt ist der „Unheilige Morgen“ eine Riesenveranstaltung mit über 1000 Besuchern jährlich). „Dicht gedrängt standen dort die Menschen, Alt und Jung, Klein und Groß verfolgten aufgeregt dieses Ereignis.“

Serie WDN, TV, Tochter Annette als Kleinkind vor dem Fernseher, Foto Ewald Betting privat

Im gleichen Jahr kaufte sich Bettings Onkel ein Fernsehgerät. Nun kam die Familie hin und wieder zusammen, um Nachrichten oder einen Film anzuschauen. Unvergesslich blieb Senior Betting sein erstes Fernseh-Film-Erlebnis  „Der Florentiner Hut“ mit Heinz Rühmann.

1954, welcher begeisterte Fußballfan wüsste es nicht, fand eine der Fußball-Weltmeisterschaften statt, die auch im Ersten Programm übertragen wurde. Nur zögerlich hatten die Menschen bisher, aufgrund der hohen Anschaffungskosten,  dieses neue Fernsehgerät gekauft, doch zu den ersten Kunden gehörten anfangs die Gastronomen. Mit diesem neuen Medium gewannen sie mehr und mehr Gaststättenbesucher, die nun auch die Fernsehübertragungen in den Gaststuben verfolgen konnten. Betting lacht bei folgender Erinnerung: „1954 – Endspiel Deutschland gegen Ungarn und wir wussten nicht, wo wir uns dieses Spiel ansehen könnten! Mein Vater war aktives Mitglied des Fußballvereins Olympia Bocholt und er und sein Freund Rudolf Niehues nahmen mich mit zum Vereinslokal van Schemm, in dem ein Fernseher stand. Brechendvoll war es und es herrschte große Aufregung – nur Platz war für uns drei nicht mehr.“ Was nun? Ab auf die Fahrräder und zur Gaststätte Hitpaß geradelt. Doch auch dort gab es keinen Platz mehr für drei Leute.

Mittlerweile wuchs die Sorge das so wichtige Endspiel nicht anschauen zu können, als auf der Wesemannstraße zufälligerweise gerade ein Fernsehgerät angeliefert wurde in das Arbeitervereinshaus St. Paulus. Betting, sein Vater und dessen Freund rannten sofort hinterher und die beiden Männer ergatterten auf diese Art und Weise Plätze in der 1. Reihe, während der kleine Ewald unter dem Tisch sitzen musste.

„Obwohl das Spiel nur in schwarz/weiß ausgestrahlt wurde kannte die Begeisterung bei den Zuschauern keine Grenzen,“ weiß der Senior noch ganz genau. Das Endergebnis 3 zu 2 für Deutschland brachte die Nation zum Jubeln.1958 zur nächsten Fußball-Weltmeisterschaft konnte Betting bereits im Elternhaus die Spiele verfolgen. Immer noch galten die Geräte in Privathaushalten als Raritäten, so dass sich Nachbarn, Verwandte und Freunde regelmäßig vor einem Fernsehgerät versammelten, um gemeinsam eine Ausstrahlung zu erleben. Nach und nach lief der Fernseher dem Radio dann den Rang ab.

Und heute? Heute bezeichnen wir das Gerät immer häufiger als TV (Abkürzung für das griechische Wort Television), benutzen Flachbildschirme in immer größeren Dimensionen, können mit der mittlerweile entwickelten Computertechnik unsere Fotos über die Fernsehgeräte anschauen, gekaufte DVD-Filme mit entsprechenden Zusatzgeräten betrachten und viele weitere technische Möglichkeiten mit und über den Fernseher nutzen. Und heute zählt er in Deutschland längst nicht mehr zu den Statussymbolen, sondern zu den Lebensgewohnheiten.

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