Weihnachtszeit in Bangalore/Indien

St. Marys Basilica, Foto Ute Boysen

Nun waren wir noch einmal kurz vor Weihnachten in Bangalore und ich nahm die Gelegenheit wahr, drei verschiedene christliche Kirchen aufzusuchen. Als wir damals für mehr als drei Jahre in Indien lebten, hatte mich der anstrengende Alltag in diesem Land überwältigt und mein Interesse „am redaktionellen Schreiben“ war noch nicht erweckt. Also nun:  Weihnachtszeit in Bangalore.

Nun bringt man Indien und Kirchen nicht direkt in Zusammenhang, da die Mehrheit der Bevölkerung dem hinduistischen oder islamischen Glauben angehört. Von den immerhin derzeit geschätzt 1,33 Milliarden Einwohnern in diesem Land gehören rund 2,3 Prozent (Stand 2014) dem Christentum an. Das hört sich wenig an – doch sind es etwa 30,6 Millionen Menschen.

Besucht man dieses gewaltige Land, dann ist der Blick völlig fokussiert auf hinduistische Tempel und christliche Kirchen gehen in der Wahrnehmung unter. Da es aber in der Großstadt Bangalore einige nennenswerte Kirchen gibt, suchte ich mir also drei zur näheren Betrachtung aus.

St. Marys Basilica, Innenansicht Gottesdienst, Foto Ute Boysen

Mein erster Besuch führte mich letzten Montag zur „St. Mary’s Basilica“ und da ich vormittags eintraf, konnte ich noch eine Zeitlang den gerade stattfindenden Gottesdienst begleiten. Erstaunt war ich über die Anzahl der Gottesdienstbesucher an einem Montagvormittag, aber auch darüber, dass keinerlei adventlicher oder weihnachtlicher Schmuck angebracht war. Keine Tanne schmückte den Altarbereich und auch sonst erinnerte nichts an die unmittelbar bevorstehenden Weihnachtstage. St. Mary’s Basilica gehört zu den ältesten Kirchen der Stadt und ich hatte daher an mehr christliche Tradition gedacht. Die Türen der Kirche stehen während des gesamten Gottesdienst offen, so dass ein vereinzeltes, aber ständiges Kommen und Gehen herrscht – und das ist gewollt. Hier gibt es keine strikten Zeitvorgaben und auch Gäste, Andersgläubige und Touristen sind willkommen und können jederzeit zum Gottesdienst hinzukommen.

St. Marys Basilica und Umgebung, Gräser binden, Foto Ute Boysen

Unmittelbar neben dem Kirchengelände haben zahlreiche Händler Weihnachtsstände aufgebaut. Große Papier-Faltsterne, Glitter, Flitter und Plastikkugeln, aber auch viele verschiedene Krippenfiguren aus Kunststoff und bunt bemalt, werden hier verkauft. Ganze Familien binden getrocknete Gräser, die als Dekoration zu Weihnachten verwendet werden. Kleine leere handgefertigte Krippen in unterschiedlicher Art oder Rentiere und Weihnachtsmänner in allen Größen, blinkende Figuren und Lichterketten – das alles bei leichtem Sonnenschein und 27 Grad zu erleben lässt leider so gar keine Weihnachtsstimmung aufkommen.

Bangalore, Enfant Jesus Shrine, Außenansicht, Foto Ute Boysen

Die „Enfant Jesus Shrine“ Kirche (übersetzt „Jesuskind-Kirche“) stellt sich wieder ganz anders dar und ist nur dem Jesuskind gewidmet. Hier hatte ich die Gelegenheit im Anschluss an den gerade stattgefundenen Gottesdienst mit Reverend Fr. Joseph Menezes ein kurzes Gespräch zu führen. In erster Linie bewegte mich die Frage, ob der Heiligabend oder das Weihnachtsfest genauso wie bei uns gefeiert und begangen wird oder ob es gravierende Unterschiede gibt.

Bangalore, Enfant Jesus Shrine , Reverend Fr. Joseph Menezes, Foto Ute Boysen

„Am Heiligabend findet nachts die Messe statt. Wir stellen keinen Baum auf wie in anderen Ländern, singen aber Lieder aus der Bibel“, erzählt Pfarrer Menezes. „In diesem Stadtteil leben rund 80 Prozent Tamilen und das bedeutet, Gottesdienste in verschiedenen Sprachen abzuhalten und Lieder ebenfalls in anderen Sprachen zu singen. So finden täglich zwei tamilische Messen, eine Kanáda-Messe (Sprache des Staates Karnataka) und eine englischsprachige Messe statt,“ berichtet Rev. Menezes weiter und erklärt mir, dass die römisch-katholische Messe in jedem Stadtteil der Großstadt Bangalore unterschiedlich sei. Mit meiner abschließenden Bemerkung, dass unsere deutschen Pfarrer sehr erfreut wären über die Vielzahl an Gottesdienstbesuchern unter der Woche, brachte ich Rev. Menezes zum Schmunzeln. Gerne stand er mir für ein Foto zur Verfügung und ich hatte den Eindruck, dass hier ein anderes Miteinander vorherrscht als bei uns.

Bangalore, St. Marks Kathedrale, Aussenansicht, Foto Ute Boysen

Als letzte Kirche suchte ich mir die „St. Marks Kathedrale“ aus. Ein imposanter Bau, der bereits im Jahr 1812 in Bangalore entstand. Die Türen stehen auf, ein leichter Wind streicht durch den Innenraum und nur zwei Besucher beten. Erstaunt und erfreut sehe ich die weihnachtliche Dekoration, den geschmückten Tannenbaum (aus Kunststoff, aber es ist ein Baum da!) und die tatsächlich heimatlich anmutende Inneneinrichtung dieser Kirche. Von der Anschlagtafel für die Liedabfolge bis zu den bereitliegenden Bibeln und  Gesangbüchern ist alles genau so, wie ich es von Zuhause kenne.

Bangalore, St. Marks Kathedrale von innen, Foto Ute Boysen

Und das hier in dieser indischen Großstadt zu sehen, mit all seiner Hektik und Andersartigkeit, bringt mir augenblicklich ein schönes Heimat-Gefühl. Ich bleibe eine kleine Weile und nehme alles in mir auf. Freue mich über diese total traditionelle Kirche und gehe mit großer Ruhe.

Susan Jacob (45) ist Christin. Sie ist verheiratet, hat einen 19jährigen Sohn und arbeitet als Projekt-Managerin Personalplanung in einem großen deutschen Unternehmen. Bei ihr zu Hause wird folgendermaßen gefeiert: „Nach dem 10. Dezember beginnt eine Gruppe Kirchenmitglieder aus der Gemeinde damit, die christlichen Haushalte aufzusuchen und Weihnachtslieder zu singen. Sie erhalten Süßigkeiten und ziehen weiter. Auch die Weihnachtsdekoration beginnt nun nach dem 10. Dezember. Die Weihnachts-Messe findet in der Nacht vom 24. auf den 25. Dezember statt und jedes Kirchenmitglied wird mit einem Stück Kuchen verabschiedet,“ erzählt Susan. „Zu Hause haben wir vorbereitete Süßigkeiten für alle hinduistischen Nachbarn bereitliegen, die uns wiederum an ihrem Lichterfest Diwali beschenken. Weihnachtsgeschenke im europäischen Stil machen wir eher nicht. Kleidung für die Kinder oder für ältere Familienmitglieder ist üblicher.“

Bangalore, Susan Jacob, Foto Ute Boysen

So sieht es bei Susan Jacob aus und sie erzählt weiter darüber, dass zunehmend mehr Jugendliche Waisenkinder besuchen gehen, mit ihnen singen, frühstücken und Geschenke überreichen.

Das waren also meine Vorweihnachts-Erlebnisse unmittelbar vor unserem Fest im fernen Indien. Nun sind wir seit drei Tagen wieder zu Hause und heute, am Heiligabend denke ich wieder an diese Kirchen in Bangalore, an die Christen dort, an die, wie ich es empfunden habe, noch tiefere Gläubigkeit als bei uns und daran, dass mir mit zunehmendem Alter der Glaube wichtiger wird.

Ich wünsche Ihnen liebe Leserinnen und Leser meines Blogs ein besinnliches und friedliches Weihnachtsfest. Ihre Ute Boysen

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