Bauernmalerei

Die Hobbies der Senioren

Bauernmalerei, Alter Bauernschrank, bemalt, Foto Ute Boysen

Wieder einmal konnte ich mich von der kreativen Vielseitigkeit der Seniorin Erika Balkenborg, Jahrgang 1940, überzeugen. Die 77jährigige alte Dame brachte mich einem Hobby näher, dass ich bisher so noch nicht gesehen hatte – der Bauernmalerei. Wie sie dazu kam erzählte sie mir für meine Serie „Hobbies der Senioren“.

„Es war etwa 1980, als die Kinder schon größer waren, da überlegte ich, was mir als Freizeitbeschäftigung Spaß machen könnte. Bei der Volkshochschule wurde damals ein Kurs Bauernmalerei angeboten und dafür meldete ich mich an,“ schildert Balkenborg den Beginn einer großen Leidenschaft. Zuerst einmal hätte sie dort üben müssen Bögen und Ornamente zu malen und das auch nur auf dem Papier. Erst später wurde beispielsweise auf einen kleinen Teller oder einen Holzleuchter gemalt. „Das waren dann schon meine ersten Werkstücke im Kurs“, berichtet die Seniorin.

Von Anfang an hätte sie mit Acrylfarben gemalt und ich lasse mir ausführlich den kompletten Malvorgang erklären. Erika B. beschreibt die einzelnen Etappen folgendermaßen: „Zuerst einmal wurde das Werkstück, egal worum es sich handelte, grundiert. Anschließend suchte ich mir aus den Vorlagen ein Muster/Dekor aus. Nun legte ich ein Pergamentpapier auf die entsprechende Vorlage und zeichnete diese mit einem Kohlestift nach. Das Pergamentpapier wurde anschließend verkehrt herum auf das Werkstück gelegt und mit dem Daumennagel aufgedrückt, so kam das Muster auf das Teil, welches ich bearbeiten wollte“.

Bauernmalerei, Alte bemalte Milchkanne, Foto Ute Boysen

Zum Ausmalen der Motive mit Acrylfarbe benutzt die Seniorin bis heute nur die guten Marderhaarpinsel in unterschiedlichen Stärken, die zwar in der Anschaffung etwas teurer sind, letztendlich aber nicht zum ärgerlichen Haarverlust während des Malens führen. Nach dem Trocknen wurde eine weiße Fettcreme oder farblose Schuhcreme aufgetragen. Auf diese Schicht folgte eine Patina-Behandlung(ölige Substanz), welche mit einem weichen Tuch aus den einzelnen Ornamenten des Musters wieder herausgeholt wurde bis glatte Flächen entstanden.

Balkenborg erzählt, mit welch‘ großer Freude sie an dieses Hobby heranging und ihre Neugierde auf größere Werkstücke geweckt wurde. „Der Kurs endete und ich habe mich dann allein zu Hause an eine alte Milchkanne gewagt und genauso wie gelernt bemalt. Meine Familie war schon begeistert über das Ergebnis. Das war erst recht ein Ansporn für mich.“ Viele ausgefallene und wirklich herrlich bemalte Möbel oder Gegenstände kann ich mir bei Erika B. anschauen und staune über die teilweise filigranen Blütenranken, die Möbel oder Gegenstände zieren.

„Etwa zur gleichen Zeit machten wir damals Urlaub in Tirol“, fährt die Seniorin in ihren Erinnerungen fort und dass die Pensionswirtin auch diesem Hobby Bauernmalerei nachging. Allerdings hatte sie sich auf Portraits und Landschaftsmalerei spezialisiert. „Über diese Frau habe ich zu anderer Art von Malerei gefunden,“ sinniert Balkenborg. Aus dem Urlaub brachte sie sich zahlreiche Holzgegenstände wie Spiegel, Rahmen, Ablagen, Hocker oder auch Holzteller mit nach Hause und begann mit großer Leidenschaft diese mit den unterschiedlichsten Motiven oder Dekoren auszumalen. Als Flohmarkt-Liebhaber erstanden die Eheleute einen alten, rohen und unbehandelten Bauernschrank, der sich hervorragend für die Bauernmalerei eignete und noch heute in der Eingangsdiele zu bewundern ist.

Bauernmalerei, Schieferplatte bemalt, Foto Ute Boysen

Doch zurück zur Pensionswirtin Dora in Tirol. Hatte diese erst einmal das große Interesse ihres Gastes bemerkt, wollte sie ihr unbedingt auch andere Maltechniken vermitteln. Was kann einem Besseres passieren? So stellte sie Erika B. eine Rotweinkaraffe und ein Glas bereit als Motiv und reichte ihr eine Steinplatte, auf die nun gemalt werden sollte mit den Worten: „Darauf mal jetzt mal dies Stillleben“. Aber Balkenborg war zunächst einmal erschrocken und antwortete „das kann ich nicht“.

Sie lacht bei der Erinnerung an jenen fernen Tag „Dora stand mir hilfreich zur Seite und am Ende des Tages konnte ich tatsächlich diese Malerei beenden – und es war gut geworden!“ Buch und Silberdistel lagen am nächsten Tag neben der Karaffe und dem Weinglas, Erika B. malte auch diese Gegenstände dazu und das Stillleben war fertig. Voller Stolz auf ihr gelungenes Erstlingswerk dieser Malerei nahm sie viele unterschiedliche große Steinplatten aus den Bergen dieser Region mit nach Hause. Postkartenmotive und Kalenderbilder wurden zu ihren Malvorlagen für diese Steinplatten.

Auf der Suche nach weiteren Materialien brachte ihr Ehemann russische Schieferplatten mit nach Hause, die in Kupfergold schimmerten und wieder völlig andere Effekte hervorbrachten. Weihnachtskugeln und uralte Dachziegel folgten als Malobjekte und je mehr Erika B. ausprobierte, umso sicherer wurde sie in ihrem Hobby. Eine große Anzahl Möbel und Gegenstände hatte sie nun schon bemalt und stellte ihre Werkstücke erstmals in Ahaus auf dem Künstlermarkt der Öffentlichkeit vor. Es ist Erika Balkenborg zu verdanken, dass wir anschließend alljährlich im Textilmuseum Bocholt einen Adventsmarkt bewundern dürfen. Denn sie war es, die vor vielen Jahren diesen Markt gründete. Selbstgemachtes aller Art werden dort in der Vorweihnachtszeit für rund eine Woche verkauft.

Heute steht die Seniorin nicht mehr selbst mit einem Stand dort, die Bauernmalerei wurde nach langen Jahren aus Zeitgründen nicht mehr so intensiv betrieben und abgelöst durch ein neues Hobby. Erika Balkenborg ist eine rührige Frau. Stillsitzen und die Hände in den Schoß legen – das geht nicht. Immer fällt ihr etwas Neues ein, immer ist sie auf der Suche nach einer neuen kreativen Idee. „Das wird wohl immer so bleiben“, lacht sie zum Abschied und wir beide wissen, dass ich für eins ihrer weiteren Hobbies in absehbarer Zeit wiederkommen werde – für einen neuen Bericht zum Thema „Hobbies der Senioren“.

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