„Blaumachen“

Redensart Blaumachen, Holzwäscheklammern auf Jeansstoff, Foto Ute Boysen

Aus dem Fundus unserer Sprache

Mit einem inneren Schmunzeln ging ich der heutigen Redensart nach, stellte mir einen Menschen vor, der die deutsche Sprache mühsam erlernt und irgendwann über ein Wort stolpert: „Blaumachen“. Was mag er sich denken? Wie in jeder Sprache müssen Sprichwörter und Redensarten erlernt werden, eine Ableitung ist nicht immer möglich und die Bedeutung, nun, über die muss auch ein Muttersprachler hin und wieder nachdenken – egal in welchem Land.

Erika S. (69) antwortet spontan auf meine Frage nach dem Sinn der Aussage Blaumachen: „Nicht arbeiten gehen“, sagt sie und fügt hinzu, dass jemand nur so tut, als ob er krank sei. „Simulieren“ meint die Seniorin, über die Herkunft der Redensart habe sie aber noch nicht weiter nachgedacht.

„Nicht zur Arbeit oder zu Terminen erscheinen, rein zur persönlichen Entspannung“, so sieht es die 31jährige Christina P.  und überlegt kurz, woher der feststehende Begriff „Blaumachen“ kommen könnte. „Möglicherweise hat es etwas damit zu tun, ohne Ziel ins Blaue zu fahren, um für sich etwas zu tun“ – ja der Zusammenhang wäre denkbar.

Tatsächlich liegen beide Frauen gar nicht so falsch. Spricht jemand mit einem leichten Lächeln oder Augenzwinkern vom „Blaumachen“, so meint er oder sie in erster Linie ein Fernbleiben von Schule oder Arbeit aus rein persönlichem Grund. Desinteresse, Faulheit, Lustlosigkeit oder einfach schönere Tagespläne liegen dem Blaumachen also zugrunde, verbunden mit einer Falschaussage zum  Nichterscheinen. So gesehen haben also beide Interviewpartnerinnen mit ihren Überlegungen Recht.

Aber warum „Blau“? Und gibt es noch andere Aussagen oder Begriffe im Zusammenhang mit dieser Farbe? Sprachwissenschaftler haben sich damit befasst und unterschiedlichste Erklärungen gefunden. So wird das Wörtchen „blau“, unabhängig von der Farbbezeichnung, schon seit nahezu 200 Jahren auch benutzt, um Unbestimmtes auszudrücken. Blauer Dunst, ins Blaue fahren (also ins Ungeplante, ins Ungewisse, einfach drauf losfahren).  Steht die Farbe Rot in der Farblehre positiv für Liebe und negativ für Hass, so hat auch die Farbe Blau ihre zwei Seiten. Harmonie und Entspannung stehen Kälte und Ferne gegenüber.

Auf diese Art und Weise kommen wir der Redensart „Blaumachen“ näher, denn die wohl wahrscheinlichste und am ehesten nachvollziehbare Deutung stammt aus dem mittelalterlichen Färber-Handwerk. Damals wurden für ihre Arbeiten die Wochentage genauestens nach Art der zu verwendenden Farbe eingeteilt. Am schnellsten ließen sich Stoffe in Rot, Gelb oder andere Farben einfärben und trocknen. Blau hingegen benötigte nicht nur erheblich mehr Zeit, sondern auch mehr Aufwand. Einen Aufwand, der zwar einfach, heute jedoch fast undenkbar erscheint – und tatsächlich im engen Zusammenhang mit dem Verzehr von Alkohol stand. Färberwaid (botanisch: Isatis tinctoria), eine einheimische Pflanze gab nicht unmittelbar oder ohne Zusatz blauen Farbstoff von sich. Diese Pflanze musste in einem großen Trog, Topf oder Bottich angesetzt werden. Leider auch nicht nur mit Wasser. Interessant wäre zu erfahren, auf welche Art und Weise herausgefunden wurde, dass dieser Färberwaid mit menschlichem Urin angesetzt werden musste, um durch Wärme des Sonnenlichtes in Gärung überzugehen. Nun wird es chemisch. Durch diesen Gärungsprozess entsteht Alkohol, der wiederum das Blau (den Farbstoff Indigo) aus den Pflanzenblättern löst.

Mehr Alkoholzugabe – mehr Farbstoffgewinn. Also dachten sich die Menschen jener Zeit folgendes: Um das Blau zu machen…. benötigen wir viel Urin. Diesen gewinnen wir durch viel Trinken, vorzugsweise Bier (Alkohol). Also bieten sich die letzten Tage der Woche an für diese Arbeiten. (Sogar alte Rezepturen belegen, dass besonders der Urin nach großen Mengen Alkoholverzehrs eine gute Grundlage bot).  Nun konnten die Stoffe in die Brühe gelegt werden und es galt abzuwarten. Gelegentliches Umrühren und konstantes Nachfüllen von Urin, um den Gärungsprozess und die Alkoholgewinnung am Laufen zu halten. Schließlich am Montag wurden die Stoffe zum Trocknen aufgehängt – und erst jetzt durch die Sonneneinwirkung entstand die Farbe Blau.

Zum Einen waren die Färber an diesem Montag noch „blau“, also recht betrunken, zum anderen handelte es sich um einen trägen Tag, an dem nichts anderes getan werden konnte und musste, als abzuwarten bis die Stoffe getrocknet, also blau gemacht waren.

Ein Schelm wer Böses dabei denkt, wenn heutzutage gerade der Montag als beliebtester Tag zum „Blau machen“ zählt.

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