Bucheckern-Öl

Jahreszahlen als wiederkehrendes Foto zur Serie „Weißt Du noch“, Foto Ute Boysen

„Weißt Du noch?“

Passend zur Jahreszeit fiel der Seniorin Luise Nagel, 83 Jahre alt, auf die Frage nach ihrem „Weißt Du noch?“ das Bucheckern-Öl ein. Der gesamte Vorgang, bis das begehrte Öl in der Familienküche verarbeitet werden konnte, blieb ihr nachhaltig in Erinnerung und sie begann zu erzählen:

„Wir waren fünf Kinder und in den Kriegsjahren um 1940 herum gab es kein Öl oder Fett zum Kochen und Braten. Aber wir wollten gerne mal wieder Kartoffelpuffer (auch Reibeplätzchen genannt) essen und so schickte uns unsere Mutter im Herbst zum Bucheckern sammeln. Was damals nicht nur bei uns im Weserbergland, sondern in fast allen Regionen Deutschlands üblich war. Drei Kilometer mussten wir damals zu Fuß zurücklegen, denn nur dort an der Stelle standen die jahrzehntealten Buchen mit ihren wirklich mengenweisen Früchten.“

Einzelne Bucheckern, Foto Uswchi Dreiucker, pixelio.de

Lächelnd erzählt die Seniorin darüber, dass sie und ihre Geschwister weder Eimer noch Tüten oder Taschen mitnehmen konnten, sondern alte lange, nicht mehr tragbare Wollstrümpfe zum Befüllen bei sich trugen. „Wir sammelten unzählige Bucheckern in einer Blechdose und schütteten sie anschließend in die Strümpfe. Es dauerte ewig lange, bis diese Strümpfe voll waren, denn statt in die Höhe, ging es beim Befüllen erst einmal in die Breite…“ Nagel schüttelt den Kopf und seufzt: „Das waren viele viele Nachmittage, die wir mit sammeln beschäftigt waren.“

„An einer trockenen Stelle, meistens auf dem Boden, wurden die Bucheckern ausgebreitet und getrocknet, damit kein Schimmel entstehen konnte. Nach einigen Wochen füllte meine Mutter die Eckern in saubere Jutesäcke um und brachte sie zu Fuß und mit dem Bollerwagen (Handholzwagen) zum Landgroßhandel.“ Diese Annahmestelle, die in ihren Büchern die gewogene Menge und den Familiennamen eintrug, gab die Säcke weiter zu einer Ölmühle.  Nach dem maschinellen Schälen dort wurden die Bucheckern mit einer Spezialpresse kalt gepresst. „Bis wir unsere Ölflaschen erhielten vergingen wieder einige Wochen und aus mehreren Kilogramm Bucheckern wurde nur ein Liter Öl gewonnen. Aber wir Kinder freuten uns trotzdem sehr, auch wenn wir oft genug murrend und nörgelnd losgezogen waren, “ beendet die Seniorin ihre Erzählung.

Bucheckern-Öl gehört heute zu den hochwertigen kaltgepressten Ölen mit vielen ungesättigten Fettsäuren und ist recht kostspielig. Das liegt zum einen daran, dass nur alle paar Jahre die in Frage kommenden Buchen in ausreichender Anzahl Früchte tragen (so genannte Mastjahre), womit also das Öl nicht immer verfügbar ist. Und zum anderen an der aufwändigen Handverlesung. Die Bucheckern werden bis heute von der Erde aufgesammelt und können nicht auf andere Art abgeerntet werden.

Kenner und Köche schätzen diese Rarität heute sehr – damals brachten die in diesem hochwertigen Öl gebackenen Kartoffelpuffer die Kinderaugen zum Strahlen.

Ich würde mich freuen, wenn auch Sie mir etwas erzählen zu Ihrem ganz persönlichen „Weißt Du noch?“ aus längst vergangenen Zeiten.
Erreichen können Sie mich per E-Mail an: seniorenallerlei-UB@t-online.de

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