„Die Brennschere“

„Weißt du noch?“

Die Brennschere, Foto Franz Haindl_pixelio.de

Locken und Wellen im Haar seien der neueste Trend in der Damen-Frisuren-Mode  verkündeten vor einigen Wochen vielgelesene Frauenzeitschriften und entsprechende Fotos zeigten eben diese Frisuren. Na ja, dachte ich mir, neuester Trend mag ja momentan stimmen, aber schon seit vielen Jahrzehnten schmücken sich Mädchen und Frauen mit Locken und Wellen. Eines hat sich allerdings gewandelt, und das sind die Hilfsmittel für diese Haarkreationen.

Ich traf Lieselotte M. (83) und ließ mir erzählen, wie sie und ihre vier Schwestern als junge Mädchen und Frauen ihre Haare frisierten. „Zuerst durfte natürlich meine älteste Schwester dieses Gerät benutzen, mit dem die Haare in eine andere Form gebracht werden konnten“, erzählt die alte Dame und davon, dass die Schwester dann den jüngeren Geschwistern die Frisuren machte.

„Um Wellen in die Haare zu bekommen, wurde die Brennschere auf die heiße Küchenherdplatte aufgelegt. Es war ja kein elektrisches Gerät, sondern nur eine Art große Metallschere, die auch wie eine Schere aufklappbar war, “ erinnert sie sich. Die sehr heiß gewordene Brennschere musste nun wieder auf ein erträgliches Maß heruntergekühlt werden. Zum Ausprobieren und Feststellen, ob die Temperatur für die Haare angenehm ist benutzten die Mädchen Zeitungspapier. Sie klemmten es ein in die Metallschere und erst wenn das Papier nicht mehr braun wurde und qualmte, hatte diese die richtige Wärme erreicht.

„Jetzt konnten wir die Haare einspannen in die Brennschere und diese zusammendrücken. Durch die Wärme entstand die erste Welle. Je nach Haarlänge brauchte man ungefähr drei Wellen in einer Haarsträhne, vom Haaransatz beginnend, “ erzählt die Seniorin und erinnert sich weiter daran, wie extrem die Haare durch diese Prozedur strapaziert wurden. Passiert sei aber nie etwas, da die Mädchen sehr vorsichtig mit dem Gerät umgingen. Schmerzhaft wurde es nur, wenn das heiße Gerät der Kopfhaut zu nah kam.

Die alte Dame erzählt darüber, wie stolz sie gewesen sei auf diese Frisur, denn fast alle Mädchen trugen glatte lange Haare bis zur Schulter in dieser Zeit und nur die Älteren durften schon Dauerwellen und Innenrollen tragen.

Die einfachste und preiswerteste Art zur schnellen Haarverschönerung war also diese Brennschere, die auch von Lieselottes Mutter benutzt wurde. „Mein Vater blieb im Krieg“, so erzählt die Seniorin „und meine Mutter war alleinerziehend mit fünf Töchtern, da waren Friseurbesuche einfach zu kostspielig“.

Nach und nach sprach es sich herum, wie die Wellen in den Haaren entstanden und die Mädchen bekamen oft ein Lob zu hören. Die Brennschere fand recht schnell ihren Weg in immer mehr Haushalte. Die Seniorin denkt über die zwei bis drei Jahre nach, in denen sie ihre Haare so tragen konnte und weiß aber auch noch, dass ganz plötzlich die Wellen nicht mehr modern genug waren. Andere Frisuren lösten sie ab.

Elektrischer Lockenstab, Foto Ute Boysen

Und heute? Das Ende der Wellenfrisur hieß nun aber nicht gleich das Ende der Brennschere, denn die technische Weiterentwicklung brachte Modelle hervor mit einem kleinen Wassertank, der befüllt werden konnte. Dieses Gerät wurde schon elektrisch betrieben und ermöglichte mit dem entstandenen heißen Dampf ein Umformen der Haarstruktur. Wieder später entwickelten sich parallellaufend mehrere verschiedene Haarscheren, Lockenstäbe und Föhnvorsätze, die bis heute laufend verfeinert werden in Technik und Handhabung.

(Überarbeitung, Erstveröffentlichung 2013)

 

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