Erste deutsche Tischlergesellin

Tischlerwerkzeuge, Foto Rainer Sturm_pixelio.de

„Frollein, hier sind Sie wohl falsch“

Es ist, wie jedes Jahr wieder, so langsam an der Zeit für Ausbildungsbetriebe und angehende Auszubildende, sich auf die Suche zu machen nach zukünftiger Zusammenarbeit. Der Beruf Tischler/in zählt zum so genannten Holzgewerbe und hier sind weibliche Auszubildende eher in der Minderheit. Im Jahr 2012 waren es laut Statistik des „Zentralverband des Deutschen Handwerks“ (ZDH) 1796 Mädchen in Deutschland, die dieses Handwerk erlernten. Im Jahre 1949 war es 1 Mädchen – Josefine R. aus Bocholt.

Seniorin K. war zur Zeit dieses Interviews 81 Jahre alt. Die Möbeltischlerei ihres Vaters Josef R. war für sie und ihre Schwester schon in frühester Jugend ein beliebter Aufenthaltsplatz. „Unser Vater hat wunderbare Möbel hergestellt und wir Mädchen wurden immer gefördert von ihm. Am Anfang hatten wir noch nicht so großes Interesse an der Arbeit in der Tischlerei, aber nach häufigem Zuschauen und Vaters Ansporn durften wir auch die Laubsäge benutzen“, erzählt die Seniorin.

Tischlerwerkzeuge, alt, Foto Dietmar Grummt_pixelio.d

Wohnhaus und Werkstatt der Familie befanden sich am Westend und sie erinnert sich an den Krieg: „Drei Wochen vor dem großen Bombenangriff auf unsere Stadt fiel eine Bombe in unser Wohnhaus – ein Volltreffer und alles war zerstört. Glücklicherweise waren wir Mädchen in einem Nachbarort und auch unsere Eltern blieben verschont! Ein Freund unseres Vaters hatte Verbindungen zur Firma Flender und so halfen uns 20 russische Hilfskräfte beim Aufräumen und irgendwie wieder wohnbar machen des Hauses.“ Dann erfolgte drei Wochen später der große Bombenangriff und auch die zweistöckige Werkstatt wurde mit all den Maschinen vollständig zerstört. Im Obergeschoss lagerten die wertvollen Hölzer, die wie Zunder brannten!

Für die Übergangszeit stellte eine gute Kundin der Familie ihre Kellerräume zur Verfügung. Neue oder gebrauchte Maschinen konnten nicht beschafft werden – es gab keine. Und so beschränkte sich die weitere Arbeit der Tischlerfamilie auf Flickarbeiten an den Kriegsschäden. „Die Leute kamen mit Türen und Möbeln, die von Bombensplittern ruiniert waren. Von Hand und mit geschenkten Werkzeugen von Freunden konnten wir diese Arbeiten dann ausführen“.

„Später, nach den Aufräumarbeiten, holten wir die Maschinen aus der ausgebombten Werkstatt heraus und brachten sie zur Firma Flender. Die Maschinen und Metallwerkzeuge waren durch die große Hitzeeinwirkung verformt und ausgeglüht. Durch freundschaftliche Beziehungen konnten die Maschinen bei Flender wieder funktionsfähig hergerichtet werden. Und dann hat mein Vater mit einem Gesellen und einer geschenkten Hobelbank die Werkstatt wieder aufgebaut“.

Tischlerei, alte Maschinen, Foto Ich-und-Du_pixelio.

Weiterführende Schulen gab es auch nicht mehr und die Seniorin weiß noch genau die Worte ihres Vaters zu ihrer beruflichen Zukunft „Mach zuerst einmal eine Lehre hier im Betrieb und dann schauen wir mal weiter“. 1949 – ein Mädchen – eine Ausbildung als Tischlerin, das war schon ungewöhnlich und fortschrittlich gedacht. „Mein Vater war ein strenger, aber sehr geduldiger Lehrmeister und er konnte wunderbar Lehrstoff vermitteln“, weiß sie noch heute.

Josefine erinnert sich daran, dass sie zu allen berufsspezifischen Arbeiten selbstverständlich herangezogen wurde und vom Speiß herstellen bis zur Maschinenbedienung alles erlernte. An die Fräse durfte sie nicht, dieses Gerät sei zu gefährlich gewesen, aber die Kreis- und Bandsäge habe sie gelernt zu bedienen. Die Holzvermessung wurde in der elterlichen Werkstatt manuell vorgenommen, also nicht im Sägewerk – und auch das erlernte die junge Frau.

In dieser Zeit gab es keine wertenden Bemerkungen von Freunden oder Bekannten zum „damaligen“ Männerberuf, denn die Jungen und Mädchen akzeptierten die Berufswünsche ihrer Eltern und gerade Mädchen freuten sich über fortschrittlich denkende Väter. Und obwohl Josefine R. als erstes Mädchen in diese Tischler-Lehre ging hat sie nach eigenen Angaben immer nur Akzeptanz und Selbstverständlichkeit erfahren dürfen. Nachhaltig in Erinnerung blieb ihr jedoch der erste Tag in der Berufsschule: „56 Jungen marschierten in den Klassenraum und  ich wollte hinterher. Der Klassenlehrer hielt mich jedoch auf, “ lacht sie. „Frollein, sie sind ja hier wohl in der verkehrten Klasse“ meinte er und erhielt zur Antwort „Nein, Vater hat mich angemeldet“. Mit der Note „gut“ bestand die junge Frau im März 1949 als erste Frau Deutschlands ihre Gesellenprüfung im Tischlerhandwerk.

Josefine stieg in den elterlichen Betrieb ein und als ihr Vater unvorhersehbar früh verstarb, leitete sie die Tischlerei im Alter von 21 Jahren allein. „In unserem Betrieb hatte ich ja beispielsweise für die spätere Rechnungsstellung alles schon gelernt. Vom Materialverbrauch bis zu den Berechnungen der Arbeitsstunden.“  Aber auch nach Aufriss zu arbeiten, also die Pläne mit den genauen Maßen zu versehen, waren erlernte und geläufige Arbeiten für sie.

„Später habe ich geheiratet und mein Mann kam aus der Textilbranche. Nach einigen Jahren habe ich die Tischlerei verpachtet“, erzählt die Seniorin.

Bleibt zu erwähnen, dass der Zentralverband des Deutschen Handwerks e.V. in Berlin ab 1950 alle Daten zu Ausbildungs-Angaben erfassen konnte und reges Interesse an diesem Bericht zeigte – denn „unsere“ Bocholterin Josefine K. hat bereits 1949 ihre Prüfung zur Gesellin im Tischlerhandwerk abgelegt und wurde aufgrund dieses Berichtes auch in Berlin statistisch erfasst. Ich freue mich mit.

Erstveröffentlichung Juli 2013

Fotos: www.pixelio.de

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