„Der Haussegen hängt schief“

Aus dem Fundus unserer Sprache

Indien, Bangalore, kleine Gebetsnische in einem Privathaus, Foto Ute Boysen

In Indien betet jede Familie, unabhängig von der Gesellschaftsschicht oder Kastenzugehörigkeit „ihre“ hinduistische Gottheit an. Fühlt sich eine Familie beispielsweise Gott Garnesha zugehörig, so beten alle Generationen fortan in erster Linie diesen Gott an, und zwar nicht nur in den Tempeln, sondern auch zu Hause vor den kleinen heimischen Gebetsnischen. Hier wird dann der Segen für das Haus und die Familie erbeten. So gesehen handelt es sich also dort um einen „Haussegen“.

Kann das nun Eins zu Eins übernommen werden in unsere Kultur und gibt es vielleicht sogar einen Zusammenhang bei den Begriffen oder Vorgängen? Werner F. (71) hatte erst einmal „Ärger mit der Frau oder mit dem Ehemann“ vor Augen, als ich ihn nach der Bedeutung unserer Redensart „der Haussegen hängt schief“ befragte. Der Senior beschreibt eigenes Unwohlsein oder denkt auch an eigene Unzufriedenheit, die andere Reaktionen als sonst auslösen könnten und zum schiefhängenden Haussegen führen würden.

Redensart Haussegen, Spruch Handarbeit als Segen über der Tür hängend, Foto Ute Boysen

„Ich selbst benutze das Sprichwort nicht“, sagt er, kann sich aber vorstellen, dass in einem Gespräch mehrerer Personen, die über Zuhause sprechen, diese Redewendung durchaus noch vorkommt.

Und was sagen jüngere Leute? Wie bekannt ist der Haussegen heutzutage? Dazu meint Jennifer E. (23), dass sie noch nie von dieser Umschreibung gehört habe. Trotzdem leitet sie den Haussegen ab und kommt letztendlich in ihren Gedankengängen darauf „dass zu Hause nicht alles glatt läuft? Ein Streit mit der Familie könnte mit der Redensart zu tun haben. Oder dass alles anders läuft als man denkt.“ So 50 bis 60 Jahre könnte es dieses Sprichwort wohl schon geben, meint sie, die Herkunft aber sei ihr nicht bekannt.

Gehen wir der Redewendung auf den Grund, dann stellt sich tatsächlich heraus, dass auch in unserer christlichen Religion der Haussegen bekannt ist als ein Schutz Gottes für das Haus und die darin lebenden Menschen. Weit über 100 Jahre liegt es zurück, dass die Segenssätze oder –Sprüche im eigenen Heim auf der Wand verewigt oder, falls vorhanden, in Holzbalken geritzt wurden. Diese Art der Haussegenssprüche können noch heute an den sehr alten Fachwerkhaus-Fassaden überwiegend im Süden Deutschlands bewundert werden, genannt werden sie außerhalb angebracht „Haussprüche“.

Wieder später begannen die Menschen um die Segenswünsche herum Ornamente und Verzierungen aufzumalen und die Sprüche auf andere  Materialien aufzubringen, um den fertiggestellten Haussegen an die Wand hängen zu können.

Was waren es nun für Wünsche oder Sprüche und warum waren sie so bedeutend?  Zum einen war die schon erwähnte Schutzfunktion in der damaligen hochreligiösen Zeit äußerst wichtig, zum anderen handelte es sich aber auch um eine Verschönerung des eigenen Heimes. Bemalte oder bestickte Haussegen, geschrieben in verschnörkelter Schrift, beklebt mit getrockneten Blüten und in jeder Größe erhältlich waren gern gesehene Geschenke und bereicherten jeden Haushalt.

Noch aufwendiger gearbeitete Werke mit religiösen Motiven, Kreuzen und Bibeltexten versehen stellten sogar erhebliche Werte dar.

Soweit – so gut, doch bleibt immer noch die Frage zum tieferen Sinn der Redensart „der Haussegen hängt schief“ unbeantwortet. Glaubt man den Überlieferungen, so gehörte der Begriff „Streit“ schon recht früh dazu.

Stellen wir uns also vor, dass über der Wohnungs- oder Haustür von innen ein Segenswunsch hängt, liebevoll bemalt und beklebt. Es kommt zum Streit und die Türen knallen zu. Nun könnte man sich vorstellen, dass der dort hängende Haussegen durch die Wucht des Türzuschlagens nicht mehr gerade hängt, sondern in eine Schieflage gerät. Denkbar wäre es schon.

Doch gehen wir gedanklich in die tiefreligiöse Zeit zurück, dann ist im Zusammenhang mit Streit wohl doch eher die negative Situation gemeint oder das Böse eines Streites.

Und so gesehen haben sowohl der Senior als auch die junge Frau rein intuitiv mit ihren Aussagen und Überlegungen richtiggelegen.

(Erstveröffentlichung September 2014)

 

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here