Eine Dirndl- und Hut-Leidenschaft

Mode? Egal!

Dirndl und Hüte, blaues Dirndlkleid mit passendem Hut, Foto Ute Boysen

Wir befinden uns in einem kleinen Örtchen in Nordrhein-Westfalen, unweit des Ruhrgebietes. Dies schicke ich voraus, weil es sich bei dieser Geschichte um eine Leidenschaft handelt, die viel eher in die südlichen deutschen Bundesländer passen würde. Aber nein, warum? Na, so denke ich mir, weil hier in unserem NRW so manch ein fragender oder stirnrunzelnder Blick eine Frau treffen wird, die ihrer Dirndl- und Hut-Leidenschaft nachgeht. Doch der Reihe nach.

Elsbeth K. ist 75 Jahre alt und trägt so lange sie denken kann Dirndlkleider. Nicht Trachten, sondern die einfachen, die dreiteiligen, wie sie sagt. „Diese Kombinationen bestehen immer aus Bluse, Kleid und Schürze und sind ganz ohne Schnickschnack.“ Trachten gibt es auch heute noch in vielen Bundesländern und sie sehen recht unterschiedlich aus. Anhand einer Tracht erkennt der „Fachmann“ die Herkunft. „Eine Stunde Zeit zum Anziehen benötigen die Frauen für echte Trachten“, weiß die Seniorin.

Sie sei auf einem Bauernhof aufgewachsen und schon als Kind habe sie immer im Frühjahr und im Herbst Dirndlkleider von ihrer Mutter genäht bekommen. „Zu meiner Schulzeit war es sogar üblich, dass die Mädchen Dirndl-Kleider trugen und erst zur Ausbildung, da war ich schon über 18 Jahre, trug ich keine mehr.“ Nun wird es etwas lustig, als die ältere Dame recht anschaulich darüber berichtet, wann und vor allem warum ihr erneutes Interesse für diese Art Kleidung entstand. „Also irgendwann brachte die Mode die gerade geschnittenen Kleider heraus. Aber bei mir passten die entweder oben herum oder unten herum, aber nie überall!“

Die Seniorin erinnert sich daran, dass sie versuchte in den Bekleidungsgeschäften Dirndlkleider zu kaufen. In unserem Bundesland waren sie aber gar nicht erhältlich, so dass sie auf eine Zeitungsreklame eines Münchner Geschäftes aufmerksam wurde und sich vom Chiemsee ihre ersten Dirndl schicken ließ.

Die Reaktion ihres Umfeldes interessierte mich nun schon sehr und geradeheraus fragte ich nach. „Ja“, meint Elsbeth K. „die Leute lächelten oder begannen zu jodeln, aber eigentlich waren sie begeistert.“ Allerdings erinnert sich die ältere Dame auch noch gut daran, dass im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen für sie nicht so angenehm war. Trotzdem hat sie sich ihre Liebe zu dieser Kleidung über Jahrzehnte hinweg bis heute erhalten.

Dirndl und Hüte, verschiedene Hutschachteln, Foto Ute Boysen

Parallel dazu entstand die Leidenschaft für Hüte. Bereits seit ihrer Konfirmation im Jahr 1954 als 15jähriges Mädel trägt sie diese kleinen Kopfbedeckungen. Der Hintergrund hierzu liegt allerdings im Praktischen und Nützlichen. „Bei der Feldarbeit und auch im Stall trugen wir Hüte als Schutz vor Sonne, Regen und Schmutz, doch ich fand Hüte immer sehr weiblich und wollte sie passend zur Garderobe auch in der Freizeit tragen.“ Damals, so erzählt sie, sei es auch normal, eben Mode gewesen, dass Frauen und auch Männer Hüte trugen.

Sie lacht und schildert die nachfolgende Zeit der neuen Dauerwellen. „Also das ging ja gar nicht mehr mit den Hüten, wir legten sie ab. Erstens wurden die Frisuren zerdrückt und zweitens gab es finanzielle Gründe, denn Hüte waren immer schon recht teuer.“

Dennoch kristallisierte sich bei der Seniorin im Laufe der Jahre heraus, dass sie auf zwei Stilrichtungen in ihrer Garderobe nie wieder verzichten wollte: auf die Dirndlkleider und auf ihre Hüte. „Diese beiden wurden mir wichtig. Ich kombinierte und mixte die Teile mit anderer Garderobe, trug zur sportlichen Kleidung Baskenmützen und zum Kostüm eher ein Filzhütchen“. Was sagte ihr Ehemann zu diesem eigenwilligen Stil? Die Seniorin erinnert sich gern und lächelt „mein Mann trug auch immer schon Knickerbockerhosen und später auch Lederhosen, allein schon durch unseren Kleidungsstil waren wir ein interessantes Paar.“

Die vier Kinder der Eheleute lehnten hingegen diese „Mode“ für sich ab und, wie die alte Dame berichtet, war in der frühen Familienphase das Geld für Dirndlkleider auch nicht da. Seit nunmehr 20 Jahren kennt die gesamte Familie Elsbeth fast nur noch in dieser Kleidung. Bis heute hat sie Dirndlkleider in unterschiedlichsten Stoffarten und Farben und zu jeder Gelegenheit passend im Schrank. Schuhe und Handtaschen müssen selbstverständlich die Kombination ergänzen. Sie bevorzugt einfache, schlichte Dirndlkleider aus schönen Stoffen. „Die Landhausmode empfinde ich als zu ausgefallen für mich, so kaufe ich eher meinem Alter entsprechende Formen und Farben.“

„Ich habe diese Kleider immer sehr selbstbewusst getragen. Im Theater zum Beispiel höre ich immer eher positive bewundernde Kommentare.“ Tuscheln, Lächeln oder Grinsen bei ihren Mitmenschen nimmt sie gelassen. Mode? Ist ihr egal! Elsbeth K. hat schon vor langer Zeit ihren ganz eigenen Stil gefunden und sich gegen alle Mode-Diktate der großen und kleinen Designer gestemmt. Und sie fühlt sich wohl damit.

(Erstveröffentlichung August 2014)

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here