„Da kann ich Dir ein Lied von singen“

Aus dem Fundus unserer Sprache

Serie, Lied singen, Keramikbecher mit Notenmotiv, Foto Ute Boysen privat

Ob und wie häufig oder überhaupt ein Sprichwort oder eine Redensart im allgemeinen täglichen Sprachgebrauch vorkommt, lässt sich ganz sicher nicht in Zahlen oder Statistiken darstellen. Zu unterschiedlich erfahren wir die eigene Sprachbegabung, -ausbildung oder die Übernahme fremdsprachiger Begriffe in unseren Wortschatz. So stellt sich die Ausdrucksweise jedes Einzelnen anders dar – und dann gibt es ja auch noch die Musikrichtung Hip-Hop/Rap, die sich ebenfalls als Sprechgesang mit der Kommunikation befasst und in Teilbereichen Übergang findet in das Sprachverhalten junger Menschen.

Womit wir schon direkt zur heutigen Redensart überleiten können. „Da kann ich Dir ein Lied von singen“ oder auch „von etwas ein Lied singen können“. Liegt die Bedeutung nun darin, dass wir uns gegenseitig etwas vorsingen? Wohl kaum. Aber was heißt es dann?

Seniorin Marianne T. (72) meint dazu: „Etwas selbst erlebt haben, etwas, das in eigener Situation schon erlebt wurde. Ich denke, es ist auf negative oder auch positive Situationen anwendbar, in irgendeiner Form vergleichbar.“ Schwer in Worte zu fassen scheinen die Erklärungen zu einer Redensart, selbst dann, wenn es in der eigenen Ausdrucksweise vorkommt. Und ja, sie wende dieses alte Sprichwort auch selbst an.

Möglicherweise denken jüngere Menschen eher an Musik, Lied oder Gesang, so dachte ich mir, und sprach mit Dominik J., 18 Jahre. Der Auszubildende hat von diesem Sprichwort schon gehört, aber selbst benutzen würde er es nicht. „Wenn jemand von etwas Ahnung hat oder Erfahrung, dann kann er viel darüber erzählen und Tipps geben.“ Als Beispiel führt er zwei Personen im Gespräch an, in der selbst Erlebtes weitergegeben wird. Und es fällt ihm noch etwas anderes ein: „Hochgezogene Augenbrauen und die Betonung auf dem Wörtchen ‚da‘, denn es wird eine Sache betont.“

Wie bei vielen Sprichwörtern und Redensarten spielen zweifellos die Betonung und auch der Gesichtsausdruck eine große Rolle. So auch hier. Kann jemand ein Lied von etwas singen, dann handelt es sich um etwas selbst Erlebtes, fast immer Negatives, um etwas, von dem der Betreffende viel zu berichten weiß.

Aber warum wird dies nun mit einem Begriff wie „Lied“ umschrieben? Vor rund 500 Jahren wurde ein öffentlicher Vortrag „Lied“ genannt. Die Menschen im 16. Jahrhundert waren selten des Lesens mächtig oder hatten überhaupt Zugang zur so genannten „Schriftsprache“ und waren angewiesen auf Gesprochenes oder Gesungenes, wenn sie Neuigkeiten erfahren wollten. In jener weit zurückliegenden Zeit zogen fahrende Sänger durch die Lande, die, teils mit Musikuntermalung, ihr Wissen um Geschehnisse bei Hofe oder Selbsterfahrenes singend zum Besten gaben – als öffentlichen Vortrag. Das einfache Volk fand sich auf den Plätzen zusammen, reagierte fröhlich oder aber verärgert auf das jeweils vorgetragene Thema und nahm regen Anteil.

Ein Gedanke blitzt während des Schreibens bei mir auf und ich stelle mir innerlich lächelnd vor, wie wir heutzutage auf unserem Marktplatz zusammenkommen und singenderweise über die städtischen Bau-Pläne informiert werden oder in Liedform über den Haushaltsetat der Stadt hören. Doch zurück zum Bericht:

Bei den Texten handelte es sich unter anderem um Erlebnisse des Sängers, um Erfahrungsberichte also. Allerdings sollten die so vorgetragenen wichtigen Ereignisse jener Zeit, politischen oder gesellschaftlichen Hintergrundes, lange im Gedächtnis verbleiben und stellten in Liedform eine Überlieferungsart dar. Das Sprichwort „Da kann ich Dir ein Lied von singen“ wurde denn auch im 16. Jahrhundert erstmals erwähnt.

Heutzutage benutzen wir die Redensart  tatsächlich nur noch, um „seufzend“ unserem Gegenüber mitzuteilen, dass wir dem gerade Gehörten voll und ganz zustimmen – eben auch davon ein Lied singen können, aus leidvoller eigener Erfahrung heraus und kopfnickend mit der Betonung auf dem kleinen Wörtchen „da“.

(Erstveröffentlichung Oktober 2014)

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