Das Frauenhaus

(Erstveröffentlichung Januar 2016)

„…und was machst Du?“

Frauenhaus, verzweifelte traurige Frau, Foto Anemone 123 by pixabay

Viele Ehrenämter sind bekannt und erhalten durch die verschiedensten Medien große Aufmerksamkeit – mindestens genau so viel ehrenamtliches Engagement geschieht jedoch mehr oder weniger im Stillen. So auch im Frauenhaus.

Maria Mustermann (60) (Name verändert), stellt bereits seit 18 Jahren einen Teil ihrer Freizeit ihrem Ehrenamt im Frauenhaus zur Verfügung. „Ich habe mich schon immer für Frauenrechte eingesetzt und Kinder liegen mir am Herzen – das Frauenhaus verbindet beides“, erklärt sie mir ihre Wahl gerade dieses Einsatzgebietes. „Ich wollte außerhalb meines Berufes und meiner Hobbies etwas anderes machen, Gutes tun“, sagt sie leise und fast entsteht der Eindruck, als wären ihr die eigenen Worte „Gutes tun“ auszusprechen schon unangenehm.

„Nach meinem Vorstellungsgespräch schaute ich mir die Einrichtung und die Arbeit dort erst einmal an und durfte recht schnell an einem Arbeitskreis teilnehmen. Danach stand fest, dass dies das richtige Ehrenamt für mich ist, “ erinnert sie sich zurück. Der Einsatz im Frauenhaus begann für Maria als Begleitperson und der erste Eindruck war „wuselig, eine lebhafte Atmosphäre, viele Kinder und Frauen“. Sehr schnell sei sie mit den Frauen ins Gespräch gekommen.

Nach ihrer Zusage zur ehrenamtlichen Unterstützung konnte sie direkt an einer Fortbildungsmaßnahme der Trägergesellschaft teilnehmen. „Kenntnisse über Psychologie oder Gewalt, Fachvorträge über Stalking und vieles mehr wurden uns Teilnehmern vermittelt“, erzählt sie. Wichtige Theorie, die für die praktische Ehrenamtsarbeit im Frauenhaus notwendig ist. Ihre ersten Bereitschaftsdienste von 17.00 bis morgens um 8.00 Uhr fanden immer in Begleitung statt. Erst etwa ein Jahr später begann sie den Dienst auf sich gestellt.

Wie ich mir diesen Dienst vorstellen muss, will ich wissen und Maria Mustermann beschreibt eine Situation: „Eine Frau ruft die Frauenhaus-Telefon-Nummer mitten in der Nacht an und wird durchgeschaltet zu meinem Mobiltelefon des Bereitschaftsdienstes. Nun muss ich in erster Linie zuhören können, was ganz wichtig ist. Oft weinen die emotional stark belasteten Frauen, sind verstört oder verängstigt. Ich muss nun im Gespräch klären, worum es im Einzelnen geht. Handelt es sich um geschilderte gefährliche Situationen empfehlen wir einen Anruf bei der Polizei, damit diese Frau und Kinder aus der Wohnung holen kann.“

Erzählt dagegen eine stark verängstigte Frau, dass ihr Partner gerade nicht anwesend sei, wird in Absprache mit ihr die weitere Vorgehensweise vereinbart. Heutzutage sei der gesamte Ablauf gezielter und vorbereiteter, aber vor einigen Jahren noch erlebte Maria, dass Frauen auf Strümpfen und ohne irgendetwas mitgenommen zu haben, verstört eintrafen. „Einmal ist eine Frau eingeschlossen gewesen und sprang aus dem Fenster und rief völlig aufgelöst an.  Im Frauenhaus angekommen bekommt die Frau allein oder mit ihren Kindern ein Zimmer zugeteilt. Maria bleibt die Nacht vor Ort. Für Gespräche und zur Beruhigung, wie sie sagt. Aber nicht immer wollen die Frauen reden. Rückzug und der Wunsch „nur noch nach Ruhe“ sind andere Verhaltensweisen. Die übrigen Bewohnerinnen stehen den Neuankömmlingen immer hilfsbereit zur Seite, können sie doch am besten nachvollziehen, was die Frauen und Kinder in dieser Situation bewegt.

Der Bereitschaftsdienst im Allgemeinen läuft dagegen eher ruhig ab. Maria M. steht für Fragen zur Verfügung, beschäftigt sich mit den Kindern, ist immer gesprächsbereit und leistet Hilfestellung bei Notarzt-Besuchen mit Kindern oder begleitet die neu eingetroffenen Frauen zu Einkäufen, wenn sie nichts als ihre Kleidung besitzen.

Maria M. resümiert: „Für dieses Ehrenamt muss man sehr stark sein und in sich ruhen, einen festen Rückhalt in der eigenen Familie haben und gut zuhören können, Empathie besitzen. Und man muss es aushalten, dass einige Frauen trotz aller schlechten Erfahrung zum Partner zurückkehren.“ Unvorstellbar, aber leider immer mal wieder Alltag im Frauenhaus.

Doch die Mehrheit der Frauen findet nach etwa drei bis sechs Monaten Aufenthalt für sich und ihre Kinder eine Wohnung und/oder Arbeitsstelle. Die hauptberuflichen Mitarbeiter des Frauenhauses regeln von den Behördengängen, über Rechtsanwaltstermine bis hin zu Betreuungsmöglichkeiten alles gemeinsam mit den Frauen, um einen sicheren Übergang in den Alltag zu gewährleisten.

„Ich habe das Gefühl zufriedener zu sein und wenn ich nach Hause komme denke ich immer daran, wie gut es mir geht in meiner tollen Familie, was nicht selbstverständlich ist“. Mit diesen abschließenden Worten fasst Maria Mustermann zusammen, was ihr Ehrenamt für sie ausmacht.

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