„Das geputzte Auto“

Wichtig? Oder eher nicht?

Wichtig, geputztes Auto, Foto VintageBlue auf pixabay

Zum Thema „Auto“ wurde und wird immer wieder berichtet. Alte Geschichten, junge Berichte, Erlebtes, Erfahrenes, Unfall-Schilderungen, Diesel-Probleme, Benzinpreise – die Liste nimmt kein Ende. Aber ist das Auto „wichtig“? Gehört es vielleicht sogar zum existenziellen Hab und Gut für Einzelne? Oder ist es eher unwichtig? Hat so gar keinen Stellenwert im Leben Anderer? Ich habe nachgefragt.

Für dieses Gespräch konnte ich Siegfried Engelmann (90) gewinnen, der auf 49 unfallfreie Autojahre zurückblickt. Warum „nur“ 49 Jahre, wenn doch jeder Führerscheinbesitzer so schnell wie möglich und so jung wie möglich ein eigenes Auto fahren möchte? Das ist nun die persönliche Geschichte, denn Engelmann hat zwar im Jahr 1952 im Alter von 23 Jahren in Reutlingen seinen Führerschein zum Preis von 150 DM erworben, doch ein Auto saß finanziell einfach noch nicht drin.

Damals besuchte er das Textil Technikum Reutlingen (Ingenieursschule) und musste für jedes Semester stolze 500 DM bezahlen! Also wurde erst einmal für das Studium gespart. 17 Jahre sollte es noch dauern, bis er ein Auto sein Eigen nennen konnte. „Ich habe andere Prioritäten gesetzt. Hochzeit, Haus, Familiengründung und so früh wie möglich schuldenfrei zu sein, das war mir und meiner Frau äußerst wichtig,“ erzählt der Senior mit Nachdruck in der Stimme und berichtet weiter, dass ein Auto für ihn nie ein Prestigeobjekt gewesen sei. „Unser erstes eigenes Fahrzeug wurde dann ein gebrauchter weißer Opel Rekord. Das war unsere Familienkutsche und sie war bar bezahlt!“ erzählt Engelmann stolz.

„Nun waren wir flexibel und unternahmen viele Urlaubsfahrten mit unseren vier Kindern innerhalb Deutschlands.“ Erst nach einem beruflichen Arbeitgeberwechsel wurde das Auto wichtig und der Senior war auf sein Fahrzeug angewiesen. „In meiner verantwortlichen Position war ich beruflich sehr viel mit dem Auto unterwegs, denn die ordnungsgemäße Versandabwicklung der Aufträge musste kontrolliert werden,“ erinnert er sich zurück an diese arbeits- und autofahrreichen Jahre.

„Mir war immer extrem wichtig, ein sauberes, gepflegtes Auto zu fahren. Ich habe es stets selbst gewaschen und poliert, von innen und außen penibel gepflegt gehalten“, erzählt er mir weiter und weist auch darauf hin, dass er immer zur Werkstatt gefahren sei, um die Verkehrssicherheit gewährleistet zu haben. Im Laufe der Jahre wechselte Engelmann noch zwei Mal auf andere Fahrzeughersteller. Und irgendwann waren die Kinder erwachsen und zogen in andere Städte. Dortmund, Duisburg, Münster und das Kreisgebiet waren nun die angefahrenen Ziele, um die Kinder in den jeweiligen Wohnorten besuchen zu können. Wieder wurde das Auto sehr wichtig.

Stolz berichtet Engelmann davon, dass der jüngste Sohn seinen Zivildienst auf der Geriatrie Station eines Krankenhauses absolvierte. Sein Erlerntes und seine Erkenntnisse aus diesem Pflegeberuf ermöglichten ihm schon sehr früh die Finanzierung eines eigenen Fahrzeuges. Statt sich die Wochenenden um die Ohren zu schlagen, hat er jahrelang die Zeit investiert in eine Rundumbetreuung und Versorgung von Privatpersonen bei kranken oder schwerbehinderten Menschen von freitags abends bis montags morgens. Das war natürlich nur mit einem eigenen Auto möglich, da er jedes Wochenende in eine andere Stadt fahren musste. So finanzierte sich Engelmanns Sohn sein Studium in Dortmund, worauf der Senior mit Recht stolz zurückblickt. Hier stellt sich nicht die Frage nach der Wichtigkeit des Autos.

Nun interessiert mich noch, bis wann der alte Herr selbst Auto gefahren ist und wie es heute, im Alter von 90 Jahren im Alltag aussieht. „Ich bin ab meinem 80. Lebensjahr ein Wenig-Fahrer gewesen“, erzählt er und dass er seitdem nur noch selten gefahren sei und überwiegend mit dem Fahrrad Stadterledigungen vorgenommen habe. „Natürlich auch um sportlich und beweglich zu bleiben“, sagt er und man wünscht sich selbst diese gesunde Einstellung im hohen Alter.

Im vorletzten Jahr, Weihnachten 2018 stand vor der Tür, haben sich Siegfried Engelmann und seine Frau entschlossen, das Fahrzeug endgültig abzugeben. Als Überraschungsgeschenk ging das Auto zu Weihnachten an ihren Enkelsohn. Die letzte gemeinsame Fahrt führte die Engelmanns also zur Familien-Weihnachtsfeier.

Fazit: Bei diesem Thema „Auto, oder geputztes Auto“ spielt die jeweilige Lebensphase eine große Rolle. Das ist heute noch wichtiger als früher, denn wie der Senior abschließend anmerkt: „Wir haben in jungen Jahren selten auswärts gearbeitet, sondern hatten unsere Arbeitsplätze überwiegend am Wohnort“. Die mit einem eigenen Auto verbundene Mobilität sei schon bei den Kindern von anderem Stellenwert gewesen und heute bei den Enkelkindern noch viel bedeutsamer. Die Frage nach einem „geputzten“ Auto hingegen wird von verschiedenen Generationen unterschiedlich beantwortet. Hier darf dann auch einmal geschmunzelt werden.

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