„Den (roten) Faden verlieren“

Aus dem Fundus unserer Sprache

Haben Sie folgende Situation schon einmal erlebt? Sie befinden sich mitten in einem Gespräch, führen detailliert Einzelheiten zu einem bestimmten Thema aus und die Gesprächsteilnehmer hören aufmerksam zu. Und plötzlich? Stille – denn Sie stocken entweder mitten im Satz, oder die Sprechpause dauert und dauert… Im privaten Gespräch kann man in solch‘ einer Situation mit einem humorvollen Satz darüber hinweggehen. Passiert dieser kleine, sich so harmlos anhörende Moment in einer beruflichen, geschäftlichen Diskussion oder bei einem Vortrag, dann könnte es vielleicht unangenehm oder peinlich werden.

Wovon sprechen wir hier? Davon „den (roten) Faden zu verlieren“. Sekundenbruchteile abgelenkt zu sein und nicht mehr zu wissen, was man gerade sagen wollte. Und was ist mit dem “roten Faden” gemeint? Ich fragte einen Senior und schaute in den Weiten des Internets nach. „Die durchgängige Linie dessen, was ich erreichen möchte. Oder Orientierungsverlust im Gespräch, in der Diskussion oder in einer Verhandlung“, beantwortete mir Hermann N. (69) meine Frage nach der Bedeutung dieser Redewendung. Nach der Herkunft dieser Redensart befragt sinnierte der Senior: „Aus dem Handarbeitsbereich vielleicht? Hatte es mit Stricken zu tun? Möglicherweise wurde früher ein roter Faden zur Orientierung eines Strickmusters eingearbeitet oder benutzt.“

Mit der Orientierung hat es tatsächlich zu tun, allerdings weniger mit Handarbeiten. So beginnt bei www.wikipedia.org eine Erklärung mit den Worten: „ Unter einem roten Faden versteht man ein Grundmotiv, einen leitenden Gedanken, einen Weg oder auch eine Richtlinie“. Verliebt sich beispielsweise ein Mensch immer wieder in einen „falschen“ Partner, so spricht man schnell davon, dass es sich wie ein „roter Faden“ durch sein oder ihr Leben ziehe, immer wieder diesem Partner-Irrtum zu unterliegen. Immer wiederkehrende Handlungen, die sich durch das Leben ziehen, werden ebenfalls als „roter Faden“ tituliert.

Roter Faden auf Fischernetz, Foto von moritz320 auf Pixabay

Zurückzuführen sei diese Redewendung auf den deutschen Dichter Johann Wolfgang Goethe (1749 – 1832) und sein Romanwerk „Die Wahlverwandtschaften“. Hier zitiert der Dichter aus dem Tagebuch einer Romanfigur. Es handelt sich dabei um die Beschreibung „eines roten Fadens“, der in die britischen Seemannsseile und Taue eingearbeitet wurde, um damit die Herkunft, die Eigentumsrechte kenntlich zu machen. Dies galt Materialdiebsstähle zu verhindern, denn der rote Faden signalisierte jedem, dass es sich bei den Tauen und Seilen um Marine-Material handelte. Eine Geschichte, die durchaus glaubhaft scheint.

Ob nun im mittelalterlichen germanischen Rechtswesen als Einfriedung von Kult- und Opferplätzen oder in der japanischen Legende des „Roten Fadens des Schicksals“, welches auch in anderen asiatischen Ländern in unterschiedlichen Auslegungen bekannt ist, immer handelt es sich um ein Grundmotiv, einen Leitgedanken, einen Weg – Lebensweg.

So wird diese Redewendung auch weiterhin in unserem Sprachgebrauch vorkommen und angewandt werden.

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