Die Schwimmseife

„Weißt Du noch?“

Serie WDN, verschiedene Seifenstücke, Foto Ute Boysen

Als ich den Begriff „Schwimmseife“ hörte, dachte ich zuerst an die kleinen lustigen Seifentiere, die auf dem Badewasser von Kindern schwimmen. Dann fielen mir auch noch die zu Blüten und Blättern geformten Schwimmseifen für die Dekorationsschale ein – mehr nicht. Doch eine völlig andere Bedeutung und Verwendung hatte die „Schwimmseife“ in den Kriegs- und Nachkriegsjahren, wie mir von Rosemarie W. erzählt wurde.

Die 79jährige Seniorin trug als junges Mädchen im Alter von 13 Jahren wie viele andere Mädchen auch einen langen geflochtenen Zopf. Nicht gerne, wie sie nachdrücklich versichert, denn die Haare mussten schon sehr lang sein, um daraus einen langen Zopf flechten zu können. Und so langes Haar sieht nicht nur schön aus, es ist auch extrem schwer vom Gewicht her. „Meine Haare waren im offenen Zustand so lang, dass sie mir bis zur Taille reichten“, beschreibt sie die Länge und hält zur Verdeutlichung die Handkante an die Taille.

„Dazu kam ja noch, dass ich extrem dickes und dichtes Haar hatte“, sagt sie,  schüttelt den Kopf dabei und fährt fort, dass kürzeres Haar, eine richtige Frisur, ihr größter Wunsch gewesen sei. Natürlich kam das für ihre Mutter gar nicht in Frage, so dass ihr die Prozedur des Haare Waschens weiterhin nicht erspart blieb.

Serie WDN, Seifenstück + nostalgischer Wasserhahn, foto suju pixabay

Haarshampoo Angebote in der heutigen Auswahl wären wohl ebenfalls ein Traum für die damaligen Frauen und Mädchen gewesen – es gab zwar schon auf Seifenflocken basierende Haarwaschmittel, allerdings standen sie in den Nachkriegsjahren nicht immer zur Verfügung und die so genannte „Schwimmseife“ kam zum Einsatz.

Während meiner früheren Recherche zu dieser Seifenart erklärte mir per E-Mail ein deutscher Senior-Chef eines Unternehmens, welches auch heute noch Seifen produziert, den Vorgang der Herstellung: „Hallo Frau Boysen, Sie haben Glück, ich habe die Produktion noch miterlebt. Schwimmseife war vom Grundsatz her eine normale Seife, in die im wahrsten Sinne des Wortes „Luft“ hineingeblasen wurde. Damit wurde das Seifenvolumen vergrößert und das spezifische Gewicht verändert. Die Seife schwamm. Die Produktion geschah in großen Plattenpressen mit Luftanschluss. Im Grunde war es Augenwischerei. Der Kunde oder der „Volksgenosse“ erhielt weniger Seife, obwohl das Stück wie ein richtiges Seifenstück aussah. Not macht erfinderisch.“

So sah es also aus mit der Schwimmseife, die zu jener Zeit von verschiedenen Herstellern produziert wurde. Seniorin W. hat dann ihre so ganz eigenen Erfahrungen mit ins Leben genommen. „Das war ein ganz weiches Seifenstück, nicht zu vergleichen mit den heutigen festen Qualitäts-Seifen und jede Menge kleine weiche matschige Stückchen blieben beim Haare waschen in meinem fülligen Haar hängen. Meine Mutter musste sehr lange mit einem Kamm immer wieder ansetzen, um nach der Wäsche diese Stückchen zu entfernen. Rauswaschen war nicht möglich. Eine wirkliche Prozedur.“

Nun folgte ein Beispiel zum Sprichwort „Des Einen Leid ist des Anderen Glück“, denn während ihre Mutter im Krankenhaus lag, war die Schwester für das Haare waschen bei Rosemarie zuständig. Bei der beschriebenen Haarlänge ist es auch heute noch schwierig, allein mit der Haarwäsche zurecht zu kommen. Ihre Schwester zeigte jedoch nicht die Geduld ihrer Mutter, ewig lange mit einem Kamm die hängen gebliebenen Seifenstückchen aus dem langen Haar der Schwester zu kämmen…. Zu allem Unglück hatte es auch noch Knoten und Verfilzungen gegeben und es blieb nur eine letzte Möglichkeit: Die Haare mussten abgeschnitten werden!

„Da hatte ich dann plötzlich meine glatte schulterlange Wunschfrisur und sollte das jetzt meiner Mutter im Krankenhaus erklären“, lacht die Seniorin. Tatsächlich war es dann für ihre Mutter ein Schock. „Es dauerte wirklich sehr lange, bis meine Mutter diese Haarlänge akzeptieren konnte.“ Probleme beim Haare waschen gab es mit der Schwimmseife nicht mehr. Oder sagen wir mal so „die Mühe, die kleinen weichen Seifenstückchen aus der Traumfrisur heraus zu kämmen, war gar nicht mehr so groß“.

Und heute? Für die Haarwaschpflege stehen mittlerweile unzählige Produkte zur Verfügung. Die Shampoos bestehen aus chemischen und/oder natürlichen Zusatzstoffen und werden immer ausgefeilter für die verschiedensten Haarstrukturen entwickelt. Die Seifen jedoch haben einen völlig anderen Stellenwert erhalten. Selbst im Zeitalter der Flüssigseife greifen mehr und mehr Verbraucher zu den duftenden, pflegenden Seifenstücken. Es mag an der Schaumkonsistenz liegen, an der Handlichkeit oder der Optik. Fakt ist – ein Seifenstück im Kleiderschrank lässt den Tag ein klein wenig positiver beginnen – allein durch den Duft.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here