„Durch die Lappen gegangen“

Aus dem Fundus unserer Sprache

Serie Sprichwörter, Durch die Lappen gehen, Rehe im Wald, Foto Joujou_pixelio.de

Also ich persönlich assoziiere zwei unterschiedliche Dinge mit dem Begriff „Lappen“: Erstens denke ich sofort ans Putzen und zweitens an meinen Führerschein. Doch hat das wirklich in irgendeiner Form mit der Redensart „Durch die Lappen gegangen“ zu tun? Es erscheint mir höchst unwahrscheinlich. Und so machte ich mich erneut auf den Weg und stellte meine Frage nach Bekanntheit und Herkunft.

Die Eheleute Rosemarie (71 Jahre) und Hermann (73 Jahre) T. überraschten mich mit einer kurzen Geschichte ihres abendlichen Rituals.  „Also bei Einschlafproblemen fragen wir uns gegenseitig wettbewerbsmäßig nach der Bedeutung von Redensarten und meine Frau schlägt mich immer, sie kennt sich gut aus,“ lacht der Senior und berichtet weiter darüber, dass sich die Eheleute auch während längerer Autofahrten gegenseitig befragen. „Es ist so zu sagen unser Gedächtnistraining“, meint Hermann T.

Und so antwortet er auf die Frage nach der Redensart „Durch die Lappen gegangen“ folgendermaßen: Es ist ein sehr altes Sprichwort und ich stelle mir vor, dass  möglicherweise Lappen zur Abwehr von Vögeln, wie beispielsweise eine Vogelscheuche, zu tun haben. Oder aber Lappen in irgendeiner Form zum Abdichten oder Festhalten? Der Senior rätselt weiter während seine Frau Rosemarie erklärt: „Mir fällt ein Bauernhof ein zur Redensart.“ Sie überlegt kurz und sagt: „Waren keine Zäune da, dann ging das Vieh durch die Lappen“. Eine nähere Erklärung zum Zusammenhang fällt ihr in dem Moment aber nicht ein.

Wie immer stellte ich meine Frage auch einem jüngeren Mitmenschen, dieses Mal dem 19jährigen Pascal T. Spontan äußert er: „Etwas verpasst haben, beim Einkauf etwas vergessen haben, das bedeutet es. Oder generell etwas vergessen haben, Aufgaben eventuell.“ Er denkt nach und meint zur Herkunft der Redensart, dass aber auch Scherben und Bruch durch Unachtsamkeit mögliche Grundlagen sein könnten.

Serie Sprichwörter, Durch die Lappen gehen, Wald, Foto Ute Boysen

„Durch die Lappen gegangen“ – was bedeutet es denn nun wirklich? Woher kommt es und wann benutzen wir es? Wir haben es hier mit einer Redensart zu tun, die jedem Jäger bekannt ist. Bereits seit Jahrhunderten galt die Jagd in Adelskreisen als ein besonderes Ereignis für Familie, Freunde und Bekannte. So gingen große Jagdgesellschaften auf die Treibjagd, stets in der Hoffnung, sich mit einer Trophäe hervorzutun.

Doch dafür mussten die gehetzten Tiere häufig in bestimmte Fluchtbahnen geleitet werden, wozu große Tücher, eben Lappen, an Seilen aufgehängt und zwischen den Bäumen gespannt wurden. Scheue Rehe, Hirsche, aber auch Wölfe schrecken zurück vor flatternden und farbigen Tüchern und so flüchteten die Gejagten wie durch einen Tunnel genau auf die Jäger zu. Es kam jedoch immer wieder vor, dass das Wild völlig verstört trotz aller „Lappen“ fliehen konnte – und somit den Jägern im wahrsten Sinne des Wortes „durch die Lappen ging“.

Diese Art der Jagd wird auch heute noch Lappjagd genannt und beispielsweise im Bayrischen Nationalpark angewandt. Ausgebrochene Wölfe können so schneller wieder eingefangen und ins Gehege zurückgebracht werden.

Entfliehen, entkommen, entwischen – das ist wohl die Kernaussage. Eine gute Gelegenheit verpassen oder nicht schnell genug gewesen zu sein beim Abschluss eines guten Geschäftes. Etwas, was schon als sicher galt, doch nicht zu bekommen oder zu erreichen – das nennt man wohl umgangssprachlich auch „Pech haben“. Und diese Umschreibung wäre dann wieder ein anderes Thema.

Die Serie „Aus dem Fundus unserer Sprache“ veröffentlichte ich schon einmal im Monatsmagazin „pan“ im Jahr 2014.

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