„Etwas auf dem Kasten haben“

Aus dem Fundus unserer Sprache

Serie, Etwas auf dem Kasten haben, Holzkiste, Foto lichtkunst.73_pixelio.de

Neulich saßen wir in einer gemütlichen Runde beisammen und diskutierten über den Sinn und Unsinn verschiedener Sendungen im Fernsehprogramm. Und während wir so sprachen fiel plötzlich der Satz: „Ja, aber dafür musst Du schon ordentlich etwas auf dem Kasten haben“… Da war es also wieder. Ein Sprichwort. Eine Redensart, die zwar nicht häufig benutzt wird und nicht jedem geläufig, aber dennoch im Sprachgebrauch ist – oder?

Erneut machte ich mich für diese Serie auf den Weg und fragte sowohl eine Seniorin, als auch eine junge Frau, in wie weit ihnen das heutige Sprichwort ein Begriff sei. „Dass jemand schlau ist!“ Diese Antwort erhielt ich wie aus der Pistole geschossen von Christine N. Die 87 Jahre zählende alte Dame fügte schmunzelnd hinzu: „Vom Schlauberger kann man viel erfahren“ und lieferte mir auch noch die Plattdeutsche Übersetzung der Redensart „Wat up em Kasten hem“. Sie dachte nach und meinte weiter, dass man eine Person, die als schlau empfunden wird, bewundert. „Ja und Kasten soll den Kopf darstellen“, sagte sie, stufte es als älteres Sprichwort ein und benutzte es auch selbst noch.

Und auch die 20jährige Marie B. brachte „Etwas auf dem Kasten haben“ mit Können oder Wissen in Verbindung. „Dass man etwas gut drauf hat und gut kann. Gut sein in dem was er oder sie macht, egal ob im Beruf oder beim Hobby.“ Zur Frage der Herkunft zögerte die junge Frau. „Vielleicht ging es darum einen Kasten zu tragen und viel darauf zu transportieren“? stellte sie sich eher selbst die Frage und platzierte dieses Sprichwort in eine eher länger entfernte Vergangenheit.

Bei diesen Antworten war ich etwas erstaunt, denn nicht alle Redensarten, die ich im Verlauf des letzten Jahres zur Diskussion oder zum Nachdenken anregte, wurden so direkt und eindeutig zugeordnet. Aber wie wir feststellen konnten, sind auch längst nicht mehr alle diese Redewendungen im heutigen Sprachgebrauch vorhanden. Doch zurück zum heutigen „Etwas auf dem Kasten haben“.

Serie, Etwas auf dem Kasten haben, Foto Holzkiste, pixabay

Wörtlich genommen könnte der Begriff „Kasten“ im Mittelalter von den Formulierungen und Vorstellungen der Menschen damals her als „Kopf“ bezeichnet werden. „Hirnkasten“ wurde er genannt und auch wenn es uns heute witzig erscheinen mag, so stellten sich die Leute diesen Hirnkasten erst einmal leer vor. Mit Wissen musste dieser gefüllt werden und je voller er wurde, umso mehr hatte jemand „Etwas auf dem Kasten“. Schon vorstellbar sagte ich mir, suchte aber nach weiteren möglichen Überlieferungen.

So fand ich beispielsweise eine Erklärung, die sich sehr wohl ebenfalls als schlüssig für die Redewendung anhört. In der Nürnberger-Gegend sprachen die Menschen, die hier lebten von „Kasten“ im Zusammenhang mit Steuergeldern oder Werten. Denn war ein Hof mit umliegenden Ländereien sehr wertvoll, so hatte der Besitzer sprichwörtlich „etwas auf dem Kasten“. Könnte durchaus sein, dass die heutige Redewendung aus dieser Region stammt und durch Reisende in den Rest des Landes getragen wurde, als Sinnbild für einen gewissen Reichtum so zu sagen.

Dann entdeckte ich in den Geschichten unseres Schulwesens eine ganz andere Erklärung. Erst im 18. Jahrhundert wurde in unserem Land von den preußischen Königen die allgemeine Schulpflicht eingeführt. Nun durften also auch Kinder aus armen Familien Bildung erhalten, immer vorausgesetzt, dass die Arbeit auf den Feldern oder in der Fabrik unter dem Schulbesuch nicht leiden musste. Aber zur Schule gehen bedeutete auch, Lernmaterial und eine Tasche anzuschaffen.

Generell wurde die Form der Schultasche aus einem Holzgerüst in rechteckiger Kastenform hergestellt. Je nach Verfügbarkeit oder auch Einkommen waren die auch als Tornister bezeichneten Schultaschen mit Leder, Kalbsfell oder Leinen bespannt. Weil in der ärmsten Bevölkerungsschicht jedoch kein Geld für solche Schultaschen vorhanden war, gingen die Kinder in verschiedenen Regionen Deutschlands auch schon mal mit reinen Holztornistern, hergestellt aus Tannenholz, zur Schule, auf deren Rückseite eine Ton- oder später auch Schiefertafel angebracht war. Hatten die Kinder im Unterricht viel „mitgeschrieben“, so hatten sie viel auf dem Kasten. Auch eine denkbare Variante.

Die letzte Überlieferung schließlich fand ich durch ein Schulmuseum. In dieser Darstellung handelt es sich um den guten alten länglich geformten Griffelkasten aus Holz mit einem Schiebedeckel. Wollten die Lehrer nun gutes Betragen, gute Mitarbeit oder sonstiges Positives belohnen, so erhielt das betreffende Kind einen Fleißstrich auf dem Deckel des Griffelkastens – und hatte somit „Etwas auf dem Kasten“.

Sei es die wichtige Steuereinnahme, das Lernen, das Wissen oder die Belohnung. Immer handelt es sich um etwas Wertvolles. Wenn Jemand „Etwas auf dem Kasten hat“, dann wird er als schlau, clever und gebildet angesehen.

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