„Etwas auf dem Kerbholz haben“

Aus dem Fundus unserer Sprache

Neulich wurde ich während einer Zugfahrt auf ein lautstark geführtes Gespräch zweier älterer Damen aufmerksam, die sich gegenübersaßen. So konnte ich das Minenspiel einer der Frauen bei folgenden Worten verfolgen „…und wirklich Franziska, ich sag es Dir, wenn DER nichts auf dem Kerbholz hat, dann weiß ich’s nicht…“. Dabei deutete sie mit einem Augenbrauen Hochziehen auf einen nahesitzenden Mann mit Kopfhörern im Ohr.

Mittelalterliche Holztruhe, Bild von VIVIANE MONCONDUIT auf Pixabay

Lassen wir einmal die Unhöflichkeit dieser Worte außer Acht, so blieb bei mir die Frage haften „etwas auf dem Kerbholz haben“? Und warum gerade dieser Mann dort? Und so machte ich mich auf den Weg und fragte, im Rahmen meiner Serie, einen Senior und einen ganz jungen Mann, ob ihnen diese Redensart bekannt sei.

Hans K., 71 Jahre alt, denkt nur kurz nach und erklärt mir: „Ein Kerbholz ist wirklich ein Stück Holz und es wurde dort die Anzahl der Straftaten eingeritzt, so dass jeder sehen konnte, wieviel jemand verbrochen hatte.“

Verblüfft hat mich dann der 15jährige Dirk E. mit seiner Antwort, er habe von dieser Redensart schon gehört, benutze sie aber nicht selbst: „Wenn jemand Geld gespart hatte, dann wurde es früher hochgelegt oder oben auf dem Schrank versteckt“.  Diese Antwort zeigt, dass dem Schüler ältere Redensarten bekannt sind, wenngleich hier nur eine Verwechslung vorliegt. Seine Aussage bezieht sich ganz klar auf die Redewendung „etwas auf der hohen Kante haben“.

Sprichwort Etwas auf dem Kerbholz haben, Zeichnung Kerbholz Ute Boysen

Und der tatsächliche Sinn? Wie der Senior schon erwähnte, handelt es sich um ein Stück Holz. Dieses länglich geformte und an den Seiten abgerundete Holz (ähnlich dem Schiffchen beim Weben) wurde in früheren Zeiten zum Zählen benutzt. Wobei frühere Zeiten hier sogar das Mittelalter meint. Einerseits diente es dazu eine Art Buchführung mit Wareneingängen oder anderen zählbaren Leistungen zu betreiben, andererseits aber auch dazu, Schulden in „schriftlicher“ Form festzuhalten. Nur wenige Menschen beherrschten jedoch das Lesen oder Schreiben, so dass die Einkerbungen im Holz eine einfache und verständliche Art und Weise darstellten.

„Etwas auf dem Kerbholz haben“ wird bei Denjenigen, die es benutzen, mit einem deutlich hörbaren negativen Unterton ausgesprochen, was darauf zurückzuführen ist, dass überwiegend negativ anzusehende zählbare Tatsachen im Holzstück eingekerbt wurden. Dies waren neben Schulden auch Straftaten. Das Kerbholz wurde nach dem Einritzen oder Einkerben mit scharfen Gegenständen der Länge nach gespalten, mitten hindurch der Einkerbungen. Nun gab es zwei Stücke, für den Schuldner, wie auch für den Gläubiger jeweils eine Hälfte, die wieder zusammengefügt exakt die Ursprungsfassung zeigten. Änderungen waren nicht möglich.

Konnten Forderungen gleich welcher Art beglichen werden, so entfernte man entsprechend die Einkerbungen mit einem geeigneten Werkzeug. Dieses „Abkerben“ wurde im Beisein beider Parteien vorgenommen.

Die damals als extrem wichtig angesehenen Kerbhölzer sind vergleichbar mit heutigen unterzeichneten Dokumenten und hatten vor jedem Gericht den Wert einer Urkunde. Das Kerbholz war sogar bis weit über Europas Grenzen hinaus bekannt und wurde selbst im fernen China benutzt. Ob allerdings auch unsere Redensart dort gebräuchlich war ist eher fraglich.

So bleibt also festzustellen, dass ein Mensch, von dem behauptet wird er hätte „etwas auf dem Kerbholz“, von seinen Mitmenschen in unserem Land als unehrlich, schuldenbehaftet oder straffällig angesehen wird. Daher der negative Unterton. Fassen wir aber zusammen, so handelt es sich bei einem Kerbholz in erster Linie um eine Zählliste, in die anhand von senkrechten Strichen oder Symbolen Einkerbungen vorgenommen wurden – und das sogar in Wirtshäusern.

Wir kennen das noch heute – denken Sie beim nächsten Besuch in Ihrer Stammkneipe an diese Zählweise, wenn der Wirt auf den Bierdeckel seine Bleistiftstriche setzt…

Und der Mann im Zug? Wir werden es nicht erfahren.

(Erstveröffentlichung 2014)

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here