Hinter den Kulissen des Tanzsports

Tanzsport, Sandra Elfers klebt Paillietten auf ein Turnierkleid, Foto Ute Boysen

Stecknadeln und Schuhcreme

Tanzturniere im Fernseher oder live in einer Sporthalle der eigenen Stadt miterleben zu dürfen, den Glitter Flitter der traumhaften Kleider bewundern, und ob mit oder ohne Sach- und Fachkenntnisse die Tanzbewegungen verfolgen zu können – es ist schon etwas ganz Besonderes, dieser Tanzsport. Die Fernsehshow „Let’s dance“ zeigt dem Zuschauer dann auch noch die schweißtreibenden Übungsstunden und nicht zuletzt die unweigerlich auftretenden Stimmungsschwankungen, denen die Profi- oder Laientänzer ausgesetzt sind. Wir Zuschauer fiebern mit den Tänzern mit, erkennen häufig genug kein einziges kleines Fehlerchen und genießen dennoch die Darbietungen. Alles wunderbar, sehr unterhaltend und so manch Einer wünscht sich, genauso tanzen zu können.

Aber ich frage mich wieder einmal, ist wirklich alles so wunderbar? Wie sieht es hinter den Kulissen aus? Hinter dem üben, üben, üben? Die Kleider, die nicht selten kleine Kunstwerke aus Stoff und Pailletten zu sein scheinen, die identischen Frisuren bei Formationstänzen, die stark geschminkten Gesichter? Wer macht all‘ das, wer stellt es oder richtet es her? Wer kauft, näht und bezahlt es schließlich? Ich machte mich auf den Weg zu Gesine Wels, die mir Tobias Pöstgens und Sandra Elfers, heute beide 23 Jahre alt, als Gesprächspartner zu diesem Thema vorstellte. Wels gehörte bis 2017 dem Trainerteam der Standardformation an.

Tanzsport, Schminkutensilien, Foto Ute Boysen

Die beiden Tänzer des TSV Bocholt stiegen im Jahr 2014 mit ihrer Standardformation in die 2. Bundesliga auf und schilderten mir lebhaft die anfallenden Arbeiten vor den Turnieren. Zum Treffen brachten die beiden jungen Tänzer sowohl die Kleider mit, die anschließend zum nächsten Saisonauftakt getragen wurden, als auch die Schminkutensilien. So konnte ich mir ein Bild davon machen, dass Tanzen allein nicht genügt, um auf den Turnierparketten glänzen zu können. Das gesamte Drumherum, wie Kleiderauswahl, Darstellung und Gesamterscheinung der Paare – das so genannte Gesamtpaket – sind nicht zu unterschätzen.

Sandra Elfers erzählt, dass Kleider und Fräcke in verschiedenen Größen im Vereinsfundus lagern. Mehrere Jahre werden diese getragen und müssen immer mal wieder figürlich an die jeweiligen Tänzer und Tänzerinnen angepasst werden. Für die damalige Saison sollten weiße

Tanzsport, Tobias Pöstgens mit geschwärzten Haaren + Lidstrich, Foto Ute Boysen

Kleider mit schwarz/weißen Elementen gekauft werden.

Wie sieht denn nun dieses „Anpassen auf die jeweilige Tänzerin“ aus, um einmal bei den aufwändigen Kleidern zu bleiben. „Es handelt sich ja um dehnbare Sportstoffe“, beschreibt Elfers die Materialien und dass die Kleider aus diesem Grund mehreren Frauen passen, aufgrund der unterschiedlichen Größen jedoch Änderungen immer anfallen. Häufig liegen zwischen der Aufstellungsmitteilung zum Turnier bis zum großen Tag nur sechs Wochen, in denen dann die komplette Garderobe fertig sein muss. Steht weder eine Oma noch eine andere Schneiderhilfe zur Verfügung müssen die Tänzer selbst ran an den Stoff. „Die weißen Kleider haben wir gebraucht im Internet von einer Formationsgruppe aus den Niederlanden gekauft“. Für Verschönerungen sorgen Pailletten, Perlen oder Bänder – Zubehör, das in Spezialgeschäften für Tanzsport-Zubehör gekauft werden kann. Hier gibt es auch Einlagen für Oberteile, Spezialknöpfe, Tanzschuhe und vieles mehr.

Tanzsport, Sandra Elfers geschminkt auf nur einer Gesichtshälfte, Foto Ute Boysen

So gut wie nie wird an der Kleidung „geschnitten“, fast immer müssen die Tänzerinnen mit losen, langen Stichen selbst für die richtige Länge der Unterstoffe sorgen, die Oberstoffe dagegen werden nur in absoluten Notfällen bearbeitet. Fehlende Strass-Teile ergänzen, Löcher schließen oder Ziermaterialien auf den Stoff kleben und nicht zuletzt mühsam Nähte auftrennen und neu zusammennähen – das sind die Arbeiten hinter den Kulissen des Tanzsportes. Und sie beschränken sich nicht nur auf die Damenkleidung. Die Änderung der Herren Fräcke ist ungleich komplizierter, denn diese Stoffe ähneln den Anzugstoffen und sind längst nicht so dehnbar. Die Ärmel der Herrenhemden müssen möglicherweise in einer Saison verkürzt, in der nächsten verlängert werden… „Da wird dann ganz einfach bei der Verlängerung Stoff dazwischen gesetzt, denn wichtig sind ja nur die Manschettenlängen“, erklären die Tänzer. Alles muss schnell veränderbar sein.

Ganz anders verhält es sich bei den Tanzschuhen. Zum Training und für die Auftritte sind unterschiedliche Schuhe notwendig. Teuer sei das, denn diese werden selbst gekauft, ebenso wie die zahlreichen Schminkutensilien. Und wie finanzieren die jungen Leute diese Anschaffungen? Pöstgens und Elfers berichten von eingesetzten Mitgliedsbeiträgen für Änderungen und Zukäufe der Kleidung. Auch Haarschmuck und Haarteile werden so finanziert. Künstliche Wimpern, Haarfarben und –gel oder Spangen kaufen die Tanzsportler selbst und müssen dafür auch schon mal Rasen mähen, Fenster putzen oder Hilfe beim Malteserstand auf der Kirmes leisten.

Und hinter den Kulissen sitzen sie dann irgendwo in den Sanitärräumen, färben, flechten und schminken sich gegenseitig, arbeiten Haardutts in die eigenen Frisuren ein und schwärzen die Haare über dem Gel mit Schuhcreme, wie Elfers lachend erzählt. Drei Tage vor den Turnieren kommt Selbstbräunungscreme für den Körper zum Einsatz, allerdings überwiegend bei den Damen. Rund zwei Stunden dauert die gesamte Vorbereitungszeit hinter den Kulissen für die Standardformationsgruppe vor dem Turnier. Dann schweben sie – einheitlich gekleidet und gestylt auf das Tanzparkett und verzaubern die Zuschauer.

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