Indien – Bangalore

Friedhöfe

Bangalore, indischer, christlicher Friedhofseingang

Ich habe mir bei diesem Aufenthalt einmal zwei christliche Kirchen und zwei verschiedene Friedhöfe in der Großstadt Bangalore angeschaut. Kirchen, werden Sie vielleicht denken, das mag ja als Sehenswürdigkeit noch angehen – aber Friedhöfe? Und als Sehenswürdigkeit habe ich den Friedhof-Besuch auch nicht betrachtet, sondern ich möchte mit diesem Bericht darüber einmal klarmachen, dass im Hinduismus die Verstorbenen nicht immer verbrannt werden, sondern auch nach unseren Vorstellungen ein Erd-Begräbnis erfahren.

Leider kann man allzu oft – meistens sogar – im Internet ausführliche Berichterstattungen über die Feuerbestattung verstorbener Hinduisten finden. Zudem steht dort geschrieben, dass dies die einzig mögliche Bestattungsart sei. Dem ist nicht so. Ich sprach mit verschiedenen Landsleuten aus verschiedenen Gesellschaftsschichten, um das Wort „Kaste“ einmal wegzulassen. Übereinstimmend wurden mir folgende Bestattungsmöglichkeiten genannt, die sich im Falle meines Berichtes auf den südindischen Staat Karnataka bezieht, in welchem die Großstadt Bangalore liegt:

Bangalore, hinduistisches Grab mit Bambusgebilde, Foto Ute Boysen

Der verstorbene Angehörige wird von der Familie gewaschen und entkleidet zwischen einem und drei Tagen in der Wohnung / dem Haus aufbewahrt. Ich wurde immer wieder auf die Entkleidung hingewiesen, denn nach hinduistischem Glauben kann die Wiedergeburt als Pflanze oder Tier erfolgen – und diese benötigen keine Kleidung. „Nackt werden wir geboren – nackt gehen wir wieder“. Ein Priester führt die „Rituale“ durch. Nachdem sich alle Familienangehörigen vom Verstorbenen verabschieden konnten, wird der Leichnam auf einen Wagen gelegt und mit einem aus Bambusstöcken gefertigten Gebilde abgedeckt. So erfolgt die Fahrt zum Friedhof, begleitet vom Priester und den männlichen Angehörigen. Frauen dürfen an all‘ den Zeremonien nicht teilnehmen.

Prathima S. (44) Materialeinkäuferin eines Computerunternehmens, schildert dagegen noch wieder einen anderen Ablauf: Die verstorbene Person wird zu Hause vom ältesten Sohn entkleidet und mit Tüchern bedeckt, auf die anschließend Blumen gestreut werden. Nun können neben der Familie auch Nachbarn, Freunde und Kollegen der verstorbenen Person die letzte Ehre erweisen und sich verabschieden.

Bangalore, verschiedenste christliche Gräber, Foto Ute Boysen

Für die weitere Zeremonie kommt der Priester ins Haus und hält die „Pooja“(Gebete). Anschließend wird der verstorbene Körper wiederum vom ältesten Sohn gebadet, mit weißen Tüchern bedeckt und mit Blumen bestreut. So vorbereitet tragen die männlichen Familienangehörigen die verstorbene Person auf einer Bambusbahre zu einem Lieferwagen. Die Fahrt zum Friedhof beginnt. Prathima S. erklärt aber auch, dass es im Hinduismus sehr viele verschiedene Rituale gibt, um eine Feuer- oder Erdbestattung durchzuführen.

Die Bestattung ist kostenpflichtig, sodass nicht jede Familie in der Lage ist, für ein „schönes oder ordentliches“ Grab zu sorgen. Auf dem Friedhof ist an vorgegebener Stelle ein Loch in der Erde ausgehoben worden, das in etwa der Länge des Verstorbenen entspricht. Der kleidungslose Leichnam wird nun in dieses Loch gelegt und mit Erde abgedeckt. Abschließend stellen die Angehörigen das Bambusgebilde auf die Grabstelle. Manche Familien schmücken die Bambusstöcke mit glänzenden Metallpapierstreifen, Kunstblumen oder Blütenketten. Leider kostet das alles Geld und so bleiben viele der frischen Grabstätten recht schmucklos.

Bangalore, schmucklose ärmliche Grabstätten, Foto Ute Boysen

Einige Tage nach dieser Zeremonie erfolgt die Veränderung des Grabes. Aber auch hier spielt wieder Geld eine große Rolle, denn um Steine, Umrandungen oder Steinplatten anbringen zu können, müssen die Familien dazu in der Lage sein. Es gibt keine klare einheitliche Vorgabe, wie letztendlich ein Grab auszusehen hat und so konnte ich auf dem Friedhof (dem christlichen wie auch dem hinduistischen) die unterschiedlichsten Grabstätten vorfinden. Die Beschriftungen sind mal in englischer, mal in Landessprache angebracht, Blumen sehe ich so gut wie nie.

Wie mir der Fahrer Lokesh erzählte, findet am 11. Tag nach der Bestattung eine sogenannte „Poojja“ statt. Diese hinduistische Ehrerbietung, auch Gebet genannt, richtet sich an die familienbezogene Gottheit. Wie ich in einem früheren Bericht schon einmal erwähnte, hat jede indische Familie von je her „ihre“ Gottheit, zu der sie täglich betet. Dies geht weit in die vergangenen Generationen der einzelnen Familie zurück. Wird also „Gott Ganesha“ verehrt, so wird dies für alle Zeiten in dieser Familie „ihre“ Gottheit bleiben. Ist es „Gott Shiva“, so bleibt auch diese Gottheit für immer der familienbezogene Gott.

Bangalore, hinduistischer Friedhof, bemalte Grabstätte, Foto Ute Boysen

Die „Pooja“ findet in diesem Fall in der Wohnung, im Haus des Verstorbenen statt und die gesamte Familie kommt zusammen. Damit endet schon die Zeremonie, denn anders als bei uns Christen gehen die Hinduisten nicht zu Friedhofsbesuchen. Es ist unüblich, Blumen oder Gestecke zur Grabstätte zu bringen oder einfach nur einen Besuch dort abzustatten. Nur ganz vereinzelt gehen westlich orientierte Inder noch einmal zum Grab und legen eine Blütenkette ab. Die große Mehrheit der Gräber ruht verlassen auf dem Friedhof. Mal als Erdhaufen, schmucklos, ohne Steinabdeckung, namenlos. Mal aufwändig gemauert, verziert, bemalt. Aber immer irgendwie vergessen.

Nur einmal im Jahr kommt die Familie zusammen und gedenkt zu Hause des verstorbenen Familienmitglieds. Dies ist eine Tagesfeier – danach versinken die Erinnerungen wieder. Mich persönlich hat der Friedhofsbesuch eher traurig gestimmt. Alles schien so einsam und vergessen, wie ich es mir durch meinen eigenen Glauben, meine Religion nicht vorstellen kann. Und doch hat das Aussehen eines Friedhofs in Indien einen völlig anderen Stellenwert als bei uns. So wie die Trauer.

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