“Jemandem einen Denkzettel verpassen”

Aus dem Fundus unserer Sprache

Denkzettel, moderne Form, Foto Darkmoon_Art auf Pixabay

Mit den Sprichwörtern und Redensarten ist es so eine Sache. Die einen kennen und lieben wir, wenden sie selbst hin und wieder oder sogar oft an – und die anderen – nun, die haben wir schon einmal gehört, aber was sie bedeuten? Meine Serie über die Sprichwörter und Redensarten habe ich wieder aufgegriffen, denn es gibt wirklich sehr viele im Fundus unserer Sprache.

Und so machte ich mich auf und traf zwei freundliche Interviewpartner, die sofort bereit waren sich auf die heutige Redensart einzulassen. „Jemandem einen Denkzettel verpassen – kennen Sie die Bedeutung? Was meinen Sie, was dahinterstecken könnte?“ Kathrin Cohen (56) überlegte kurz und antwortete „Jemanden auf seine Fehler hinweisen, damit derjenige merkt, wie er auf andere wirkt. Der andere soll über sein Handeln nachdenken.“ Und sie benutze diese Redensart nicht selbst, erklärte K. Cohen.

Der 19jährige Adrian Blits beginnt die Antwort mit „ach Gottchen“, denn in dieser Altersklasse kommt die Redensart wohl gar nicht mehr vor. Dennoch überlegt er kurz und antwortet: „Wenn jemand etwas falsch gemacht hat, ihn dafür zu bestrafen. Vergessliche Menschen beispielsweise in besonderer Art und Weise erinnern, damit das zukünftig nicht mehr passiert.“

Und ja es stimmt, diese Redensart hat mit „bestrafen“ zu tun, aber auch mit „zum Nachdenken bringen“. Doch „jemandem einen Denkzettel verpassen“ bedeutet außerdem, „jemandem eine Lektion erteilen“ oder sogar sich zu rächen an jemandem.

Nun musste ich selbst noch ein wenig recherchieren, um den Ursprung herauszufinden und stieß auf verschiedene Erklärungen und Überlieferungen  beispielsweise unter www.wikipedia.org. Demnach  stammt die Redensart aus dem Spätmittelalter (13. bis 15. Jahrhundert in Europa) und in dieser Zeit zum Rechtswesen. Gerichte erließen auch damals schon Vorladungen namens „Gedenkzettel“, also schriftliche Terminbestätigungen sozusagen. Aus dem damaligen „Gedenkzettel“ wurde im Laufe der Zeit der „Denkzettel“ auch für anderen Schriftverkehr. Doch die tatsächliche Redensart wurde erst im 18. Jahrhundert wirklich im Sprachgebrauch angewandt.

Auch überliefert wurde, dass „Jemandem einen Denkzettel verpassen“ unter anderem mit Schülern der damaligen katholischen Jesuitenschulen zu tun hat. Hier soll es als sichtbare Strafe üblich gewesen sein, denjenigen Schülern, aber auch Lehrlingen jener Zeit, ihre festgehaltenen Verfehlungen auf einen „Denkzettel“  zu schreiben. Dieser Zettel musste anschließend um den Hals gehängt und auf dem Rücken für alle sichtbar getragen werden. Welch‘ eine Schande, wie man sich unschwer vorstellen kann.

Wie gut, dass wir heute gemäßigter mit einem „Denkzettel“ umgehen. Aber er kommt noch vor, nur sehr viel harmloser als zu früheren Zeiten.

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