„Jemandem einen Korb geben“

Aus dem Fundus unserer Sprache

Jemandem einen Korb geben, Korb mit Tuch, Foto Ute Boysen

Die Vorstellung, einen Korb gereicht oder geschenkt zu bekommen und selbst einem anderen Menschen zu überreichen, erschien mir von der Handlung her ohne Einschränkung positiv. Dachte ich jedoch daran zurück, wie unterschiedlich und vielseitig sich bisher die Erklärungen anderer Sprichwörter und Redensarten erwiesen hatten, dann blieb ein kleines Fragezeichen in meinen Gedanken zurück. Es könnte ja durchaus sein, dass auch diese Aussage alles andere als harmlos oder freundlich gemeint sei.

Irmgard S. (81) bringt das Sprichwort „Jemandem einen Korb geben oder selbst einen Korb bekommen“ sofort mit „Tanzen“ in Verbindung. „Ein Tänzchen abschlagen oder eine Einladung nicht annehmen, das bedeutet es“, beantwortet die alte Dame meine Frage nach dem Sinn dieser Worte. „Schon früher auf der Tanzdiele wurde gesagt, dass du kein Tänzchen abschlagen darfst. Das wäre eine Beleidigung und würde vielleicht sogar Ärger bedeuten, haben meine Eltern gesagt“, erzählt sie und meint, dass dieses alte Sprichwort wohl auch heute noch benutzt wird.

Mit einer Absage bringt auch ein sehr junger Mensch, Robin U. (19), die Redensart in Zusammenhang. Er meint: „Eine für alles Mögliche geltende Absage könnte es sein, auch für Unternehmungen, die man absagt“ – datiert das Sprichwort weit zurück ins Mittelalter und meint, dass die meisten Redensarten aus dieser Zeit stammen. „Aber früher gab es wohl eher eine andere Bedeutung für den Korb“, schließt er.

Und genau so ist es. Zwar ist und war und bleibt der Korb ein Korb, doch „Jemandem einen Korb geben oder selbst einen Korb bekommen“ – das hat eine völlig andere Herkunft und ist immer unangenehm, unbeliebt und eher negativ anzusehen. Um Liebe und Hochzeit dreht es sich oder vielmehr darum, dass es weder zum einen noch zum anderen kommen wird. Tatsächlich handelt es sich um einen mittelalterlichen Brauch aus der Liebes- und Brautwerbung zwischen dem 15. und 16. Jahrhundert, was zahlreiche Volkslieder oder auch Geschichten dieser Zeit belegen sollen.

Folgende Sitte scheint demnach unserem heutigen Sprichwort zugrunde zu liegen: Eine Frau, oder damals ein Fräulein, wird von einem Mann innigst verehrt und umworben. Er nimmt sich ein Herz, möchte sie heiraten und macht ihr den Antrag. Soweit – so gut, sollte man nun denken, doch befinden wir uns im Mittelalter, und das Fräulein ist nicht so einfach in der Lage eine Absage oder Ablehnung offen auszusprechen. Vielmehr wird sogar ein heimliches Treffen im Zimmer der Angebeteten vereinbart. In einem Korb sitzend oder stehend soll der Mann nun zum Fenster hoch- und hineingezogen werden. Eine Überlieferung darüber, wie das allein schon kräftemäßig von einem Fräulein bewältigt wurde, konnte ich allerdings bis heute nicht finden.

Nun aber folgt das Wesentliche, denn es geht ja um Ablehnung und Absage. Der Boden des Korbes war beispielsweise so sehr gelockert, dass der „Freier“ hindurchfiel und unsanft auf dem Boden landete. Eine andere Variante besagt, dass die Frau das Seil los ließ und der Korb samt Mann aus einiger Höhe zu Boden fiel. In beiden Fällen hinterließ der Vorfall Schmerzen, Enttäuschung und Ärger, kam es anderen Menschen zu Ohren gesellte sich noch Spott und Schadenfreude hinzu. Alles in allem gesehen handelte es sich also um eine überaus negative Situation.

Sehr viel wahrscheinlicher allerdings hören sich später folgende Überlieferungen aus dem 18. und 19. Jahrhundert an. Demnach handelt es sich um eine frühe französische Art der Brautwerbung, wonach die umworbene Frau einen geschmückten und gefüllten Korb überreicht bekam. Lehnte sie den Antrag ab, so wurde dieser Korb zurückgesandt.

Ganz ähnliche Herkunftsgeschichten zur Redensarten finden wir auch in unserem Land. So plante ein werbender Mann genauestens seinen Weg zum Haus der Auserwählten und auch das Datum für seine Brautwerbung, ließ dies durch eine andere Person den Brautvater wissen und wartete ab. Nun lag es an dieser Familie, wie mit der Werbung weiter umzugehen sei. Schlechtesten Falls kam es zur Absage, die aber, wie üblich in jener Zeit, auf andere Art und Weise mitgeteilt wurde als heute. Die Familie brachte einen als sichtbares Zeichen der Ablehnung außerhalb des Gebäudes oder Hofes an. Kam nun der werbende Mann zum vereinbarten Zeitpunkt zum Haus, konnte er bereits aus einiger Entfernung diesen Korb sehen. Seine Brautwerbung war gescheitert. Ohne Kommentar, aber auch ohne Schmach und Schande verließ er diesen Ort und kehrte um.

Mal traurig, mal enttäuscht, mal verärgert. Aber immer negativ behaftet kommt also das Sprichwort „Jemandem einen Korb geben oder einen Korb bekommen“ daher. Heutzutage betrifft es nicht nur die Brautwerbung oder die Absage an eine Tanzaufforderung. Jemandem einen Korb geben bedeutet immer ein klares „Nein“.

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