„Jemanden ein Schlitzohr nennen – ein Schlitzohr sein“

Aus dem Fundus unserer Sprache

Redensart Ein Schlitzohr sein, Zimmerer bei der Arbeit, Foto Bernd Kasper_pixelio.de

Mit Sprichwörtern  oder Redensarten ist das so eine Sache – geht man einmal in die Tiefe und beginnt sich wirklich Gedanken darüber zu machen – so kommen häufig erstaunliche Vergangenheitsdetails zum Vorschein. Vielleicht ein Grund, zukünftig vorsichtiger mit diesen Worten umzugehen oder aber der Vorsatz, ja, das lohnt sich weiter zu benutzen – erhalten wir uns doch die Vielfalt unserer Sprache.

Zur Frage, was denn „Ein Schlitzohr sein“ bedeuten könne hatte der 74jährige Senior Wilhelm W. seine ganz eigene Darlegung: „Jemand zeigt eine clevere Reaktion auf eine Situation“ meint er mit einem positiven Stimmausdruck und sagt weiter, dass zum Beispiel Uli Hoeness ein Schlitzohr gewesen sei. „Bis dahin fand ich die Redensart mehr positiv, aber man kann reingelegt werden von einem Schlitzohr und so finde ich es jetzt eher negativ.“ Trotz dieser Aussage liegt ein leichtes Schmunzeln auf seinem Gesicht und ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, dass „jemanden ein Schlitzohr nennen“ auch mit ein klein wenig Achtung verbunden ist.

„Also da ist Vorsicht geboten, da ist jemand nicht ganz koscher!“ Mit diesen Worten antwortet spontan Susanne N. (30) auf meine Frage nach dem Sinn der Redewendung. Sie habe natürlich schon davon gehört, benutze den Ausdruck aber nicht. „Ein Schlitzohr sein oder genannt werden kann allerdings auch positiv gemeint sein“, ergänzt sie. Und die Herkunft? Ist ihr bekannt, woher dieser Begriff stammt? Zögernd antwortet sie, dass es irgendwie mit Schreinern, Zimmerleuten zu tun haben könnte, die früher rumgezogen seien und einen Ohrring trugen. „Hatten sie einen Diebstahl begangen wurde dieser Ohrring rausgezogen und alle konnten sehen, ob es sich um einen guten oder schlechten Menschen gehandelt hat.“

Wieder einmal liegen beide Befragte nahe an dem, was die, wenn auch nicht gesicherten, Überlieferungen zu dieser Formulierung berichten. Noch am ehesten wahrscheinlich und nachvollziehbar hört sich die Version aus dem Zimmererhandwerk an.

Demnach könnte es sich vor langer Zeit um eine so genannte Körper- oder Ehrenstrafe in Verbindung mit einem für alle sichtbaren Schandmal gehandelt haben. Leider gibt es aber bis heute keine gesicherten Niederschriften. So ist es also durchaus möglich, dass die verlorengegangene Ehre eines Handwerkers mit einem Schlitzohr demonstriert wurde. Die Zimmererzunft beispielsweise besaß wie jede andere Handwerkerzunft  ihr ganz eigenes Wappen. Gingen die Gesellen nun für exakt drei Jahre und einen Tag auf die Wanderschaft durch das In- und Ausland, trugen sie einen goldenen Ohrring mit dem Wappen ihrer Zunft versehen. Er galt in erster Linie als Notgroschen, als Zahlungsmittel also, um in der letzten Not für ein „anständiges Begräbnis“ durch Zunftkollegen sorgen zu können.

Doch hatte der Geselle sich eines mehr oder minder schweren Vergehens schuldig gemacht, sich also unehrenhaft verhalten, entzog man ihm die Ehre, indem der Ohrring auf schmerzhafte Weise ausgerissen wurde. Der so entstandene Schlitz im Ohrläppchen zeigte auf dauerhafte Weise den Ausstoß aus der Zunft und die Unehrenhaftigkeit des Handwerkers an. Demnach fällt diese Strafart sowohl unter die Körperstrafe, als auch unter die Ehrenstrafe, wobei die Schmerzen einer reinen Körperstrafe eher vergänglich waren. Die Ehrenstrafe mit dem für alle Zeiten sichtbaren Schandmal jedoch, wie hier dem geschlitzten Ohrläppchen, machte es dem betroffenen Handwerker unmöglich gesellschaftlich wieder Fuß zu fassen.

Ausgestoßen aus dem Kreis der Zimmererkollegen und der Zunft konnte der so Bestrafte kaum noch ins normale Alltagsleben zurückkehren oder einen anderen „ehrbaren“ Beruf erlernen. Zu abschreckend galt das geschlitzte Ohr. Der so gezeichnete Geselle geriet in jenen Zeiten häufig auf die schiefe Bahn und machte daraufhin seiner „Schlitzohrigkeit“ alle Ehre.

Wie gesagt, diese Überlieferung ist nicht gesichert, denn auch Seeleute und Piraten trugen in jenen Zeiten Ohrringe mit dem angeblich gleichen Hintergrund, ihre spätere Beerdigung damit bezahlen zu können. Manchmal, so fällt mir ein, war früher doch nicht alles besser…

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