Liebesgeschichte – Teil 1

Liebesgeschichte, Tanzstundengruppe Gerhard + Christl vorne Mitte, Foto Chr. H. privat

…in den Wirren des Krieges

Christl Hausmann ist bereits 92 Jahre alt. Eine aktive kleine alte Dame mit wachem Verstand und immer noch neugierig auf das, was das Leben ihr zu bieten hat. Ausführlich schilderte mir die Seniorin ihre ganz eigene Liebesgeschichte, die schon so lange zurückliegt und dennoch in allen Einzelheiten präsent ist. Und vielleicht erinnert sich so manch‘ Einer unter Ihnen liebe Leserinnen und Leser an ähnliche Geschichten, erlebt inmitten der Kriegswirren. Lang‘ wird die Schilderung dieses interessanten Lebensabschnittes schon werden. Und deshalb gestalte ich drei Leseteile  daraus, die Sie nacheinander in eine weit zurückliegende Zeit führen werden.

Liebesgeschichte, Christl als junge Frau, Foto Chr. H. privat

1942 – die 18jährige Christl lebt in  Reichenberg im Sudetenland (heute Tschechien), geht wie viele Gleichaltrige zu allen Zeiten in die Tanzstunde und lernt dort Gerhard kennen und lieben. Aber es herrscht Krieg, der junge Mann wird zur Marine eingezogen, muss seine längere Ausbildung in Flensburg auf der Marine Kriegsschule beginnen und ist für einige Zeit mit dem U-Boot in verschiedenen Städten und Häfen stationiert. Was bleibt sind Briefe. Briefe, die sich zwei verliebte Menschen fast täglich schreiben, weil es keine Gelegenheiten für ein Sehen gibt.

„Wie ein Tagebuch war das“, sagt die Seniorin langsam und nachdenklich „ich habe damals im Geschäft meiner Eltern gearbeitet und in den Briefen auch alles über die Arbeit geschrieben.“ Vom Arbeitsamt sei ein Schreiben gekommen, dass sie als Tochter eines Familienbetriebes sofort mithelfen müsse im Laden.

Einige Male erhielt sie sogar Einberufungen zur Luftwaffe oder anderen Kriegsinstitutionen, um weibliche Soldatin zu werden. Doch ihr Vater hatte es geschafft seine Tochter im eigenen wehrwirtschaftlich wichtigen Elektro-Familienbetrieb zu halten. Die nächste Aufforderung vom Arbeitsamt, tagsüber als Verkäuferin in einem Delikatessengeschäft zu arbeiten, konnte nicht abgewehrt werden. Verkäuferin in einem Laden ohne Ware sei sie dann geworden. „Ich hatte nur Lebensmittelkarten abzuschneiden für Wurst, Käse und Sauerkraut“.

Aber im Fremdbetrieb erhielt die junge Frau nun die Einberufung zum Arbeitsdienst nach Sachsen in die Nähe von Dresden im Erzgebirge. In Uniform trat sie dort als 18 Jährige ihren Dienst an. „Schon nach kurzer Zeit wurden dann aber 12 Mädchen aus unserer Arbeitsdienstgruppe von der Flak (Flugabwehr) angefordert. Wir sollten zum Einsatz ins Leipziger Gebiet und dort auf den Feldern arbeiten. Da waren so genannte 300er Scheinwerfer mit drei Metern Durchmesser. Wir Mädchen lösten dort die Männer ab, die an die Front mussten, “ erzählt die alte Dame weiter ihre Geschichte. Von dort wurde ich zu einem sechsmonatigen Lehrgang „Waffenwartin“ nach Greifswald geschickt.“

Liebesgeschichte, Gerhard S. in Uniform, Foto Chr. H. privat

Als aber die russische Front immer näher rückte, entließ der dortige Schulkommandant die etwa 200 jungen Frauen auf eigene Verantwortung. „Gerd hatte mir verbotenerweise seinen Aufenthaltsort mitgeteilt, so dass ich nun endlich wusste, dass er mit seinem Schiff zurzeit in Travemünde stationiert ist. Jetzt hatte ich nur ein Ziel! Auf nach Travemünde. Aber dafür musste ich eine dort lebende Schwiegermutter erfinden“, lacht die Seniorin und erzählt weiter. „Das war etwa im März 1945, vom Stahlhelm bis zum Kochgeschirr sollten wir Mädchen alles abgeben, aber im allgemeinen Chaos fand ich einen Weg diese nützlichen Dinge mitzunehmen.“ Auf Umwegen und per Anhalter machte sich Christl auf den Weg nach Travemünde.

Hausmann erinnert sich sehr gern an die Kameradschaft. „Jeder half Jedem während der Fahrten auf den offenen Ladeflächen der Lastkraftwagen. Immer wieder gab es Angriffe von Tieffliegern, da mussten wir alle runter vom Wagen und hinterher fuhren wir weiter. Als ich dann endlich in Travemünde ankam und die vielen Schiffe im Hafen sah, da wusste ich ja gar nicht, auf welchem Schiff nun mein Gerd war. Und da hatte ich die beste Idee meines Lebens: am nächsten Tag ging ich zur Post und wartete darauf, dass ein Mariner kam und die Feldpost-Nummer nennt, die diesem Schiff zugeordnet war!“

Freudig und fröhlich berichtet die alte Dame über ihren genialen Einfall, denn es hatte geklappt! Sofort lief sie dem Mariner hinterher und fand das Schiff, auf dem ihr Gerd stationiert war – aber welch eine Nachricht bekam sie dort von einem Offizier? Gerhard sei am Tag vorher mit einem Minensuchboot nach Flensburg ausgelaufen und dorthin versetzt worden… Tja, was konnte sie da schon machen?

Zum Traurig sein blieb keine Zeit – Christl machte sich auf den Weg nach Flensburg. Lesen Sie im nächsten Teil wie es weiterging.

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