Liebesgeschichte – Teil 3

Liebesgeschichte, Tanzstundengruppe Gerhard + Christl vorne Mitte, Foto Chr. H. privat

…in den Wirren des Krieges

Lagen die beiden jungen Leute also eben noch nach einer feuchtfröhlichen Kriegsende-Feier im Stall – sollte sie die Realität bald einholen. Einige Tage nach diesem Fest erhielten die Soldaten den Befehl zum Abmarsch in die Gefangenschaft! „Wohin wusste niemand“, sagt die alte Dame und erzählt weiter darüber, wie Gerd hinter der Grenze Eiderstadt (Fluss Eider) in einem kleinen Dorf zum Gutshof telefonieren und Christl  seinen Gefangenen-Standort mitteilen konnte. Sie also wieder hinterher. „Ich hatte immer einen Koffer von Gerd bei mir mit Dingen, die er in die Gefangenschaft nicht mitnehmen durfte, unter anderem einen Marine-Offiziers-Dolch“.

Bis zur Brücke kam die junge Frau, doch diese wurde mittlerweile von den Engländern bewacht. „Also kein Rüberkommen möglich“, erinnert sich Hausmann. Wieder kommt ihr der ihr eigene Einfallsreichtum zur Hilfe. „Ich bin zum Bürgermeister gegangen und habe erzählt, dass ich als Magd bei einem Bauern drüben auf der anderen Brückenseite erwartet würde und wie ich denn da nun hinkommen solle?“ Er gab ihr eine Bescheinigung und das Problem war gelöst.

„Mein Gerd war überrascht ohne Ende“, lacht die Seniorin und weiß noch genau, dass sein Freund Werner bei einem Torfstecher auf dem Dachboden des Hauses seinen Schlafplatz hatte. Großzügig überließ er diesen den beiden jungen Leuten, die sich wieder einmal wieder gefunden hatten. Allerdings galten im Jahr 1945 noch andere Moralvorstellungen als heute, so dass Werner sozusagen als Anstandsperson in der Nähe bleiben musste, sehr zum Leidwesen von Gerd, wie die alte Dame  lachend erzählt.

Liebesgeschichte, Christl als junge Frau, Foto Chr. H. privat

„Doch dann musste ich wieder weg, weil ich ja kein Geld und keine Lebensmittelmarken hatte. Ich ging zurück nach Flensburg. 3,5 Millionen Sudetendeutsche wurden von den Tschechen vertrieben und mussten ihr Heimatland verlassen. All‘ diese Menschen kamen nun mit nicht mehr als 30 kg Hab und Gut nach Deutschland. Mehr war nicht erlaubt und auch Wertgegenstände mussten zurückbleiben. Vor dem Krieg lebten Tschechen und Deutsche friedlich zusammen und da Christl in Tschechien geboren wurde, besaß sie auch die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft. Diese machte sie sich nun zu Nutze, meldete sich bei der Behörde und erschwindelte auf diese Art und Weise Lebensmittelmarken.

Auf der Suche nach Arbeit fand Christl bei zwei verschiedenen Offiziersfamilien eine Anstellung als Kindermädchen, die Männer waren aus dem Krieg noch nicht zurückgekehrt. Insgesamt zehn Kinder wurden von ihr versorgt und beaufsichtigt. Doch nicht nur das. „Wenn wir spazieren gingen haben wir alle zusammen Zigarettenkippen gesammelt. Da wurde der restliche Tabak herausgebröselt und dann gegen Lebensmittel eingetauscht“. Irgendwann machte sich Christl erneut auf den Weg nach Eiderstadt, dieses Mal auf einem von Dänemark kommenden Soldatentransport. Während sie dem fahrenden Laster hinterherlief wurde sie von den Soldaten hochgezogen auf die Ladefläche. Mit Käppi und Jacke als Soldat getarnt fuhr sie unbehelligt über die Brücke zu Gerd.

Liebesgeschichte, Gerhard S. in Uniform, Foto Chr. H. privat

Acht Tage später ging es wieder zurück. Nun aber ruderten zwei Kameraden mit dem Schlauchboot über die Eider und setzten Christl auf der anderen Seite ab. Doch oh Schreck, hier wird die junge Frau von einer englischen Polizeistreife gesehen und gefragt, wohin sie wolle. Schnell reagiert Hausmann und antwortet „Rüber“. Da das aber nicht erlaubt war wurde sie mit einem Polizeiwagen nach Flensburg zurückgefahren – welch ein Glücksfall! In Flensburg erhielt Christl keine Nachrichten mehr von Gerd und zog einige Zeit später nach Osnabrück zu einer befreundeten Familie. „Auf einem offenen Viehwaggon war ich unterwegs mit meinem Pappkoffer in strömendem Regen“, erinnert sich die Seniorin. Alles war aufgeweicht und kaputt. Also schulterte ich mein ganzes Hab und Gut in einer Wehrmachtsdecke und so kam ich dort in Osnabrück an.“ Diese Adresse hatten die beiden jungen Leute als „Wiederfindungs-Adresse“ festgelegt. Gerd kannte sie also.

Und dann – eines Tages – kam Post an: „Gefangenschaft beendet, nach Ingolstadt gezogen“. Dort hatte Gerd einen Kriegskameraden wohnen und diese Stadt war für ihn die naheste Adresse an der tschechischen Grenze. Nun gab es kein Halten mehr für die so lange schon wartende Christl. Sie ergatterte in Kohlenwaggons von Zügen eine Mitfahrgelegenheit und reiste nach Ingolstadt zu Gerd. Hatte sich dieses Paar im Laufe der Monate und Jahre immer wieder über ein Wiedersehen gefreut, so war das Gefühl beim Treffen in Ingolstadt noch einmal wieder anders, jetzt war es ein Glück in der Gewissheit nun zusammen bleiben zu können.

Christl fand Arbeit und ein Miet-Zimmer bei einer Witwe. Wer jetzt erwartet eine überschwängliche Liebesheirat mit allem möglichen Drum und Dran der damaligen Zeit beschrieben zu bekommen, den müssen wir leider enttäuschen. Eine reine Zweckmäßigkeit ging der Hochzeit voraus, denn nur als verheiratetes Paar war das Zusammenleben in einem Zimmer möglich! Wenngleich natürlich die innige Liebe an erster Stelle stand. Nach vielem Hin und Her, so endet diese Lebens- und Liebesgeschichte von Christl Hausmann, zogen die Eheleute in ein verlassenes, beschlagnahmtes Haus eines ehemaligen Parteigenossen um. Mit zwei weiteren Flüchtlingen aus Sudetendeutschland, die dort untergebracht waren lebten die Eheleute in Liebe und Sicherheit. Letztendlicher Wohn- und Lebensraum wurde berufsbedingt dann Bocholt, die kleine Stadt an der niederländischen Grenze. Nach 66 Ehejahren verstarb Gerhard.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here