Ein Inge Wuthe – Märchen

Ein Anfang vom Ende der Trauer

„Es ist so ein wunderschöner Tag“, sprach der kleine Schatten zu der Frau, die auf einer Mauer hockte und mit ihren Armen ihre Knie umschlungen hielt, „und trotzdem ziehst du mich in deine Augen, so dass dein Blick sich verdunkelt. Mir scheint, auch deine Seele ist bewölkt.“

Märchen Trauer, Foto Wald Schatten und Licht von Johannes Plenio by pixabay

Die Frau nickte fast unmerklich. „Ja, ich bin wie gefangen in dieser dunklen Traurigkeit. Ich trauere um die Menschen, die aus meinem Leben gegangen sind. Einfach so, ohne Lebewohl zu sagen. Die mich zurückgelassen haben in Verzweiflung, im Nicht-wahrhaben-wollen, im Nichtverstehen. Meine Fragen werden nicht mehr beantwortet, meine Botschaften erreichen sie nicht mehr. Die Frau vergrub ihren Kopf in ihren Armen.

Der Schatten umhüllte behutsam ihre Gestalt. „Ich verstehe deinen Schmerz“, flüsterte er mitfühlend. „Da will noch kein Trost in dein Herz einziehen. Doch wehre dich nicht dagegen, wenn das Land der Erinnerungen dich einlädt. Das sind die Momente, in denen die Fortgegangenen dir noch einmal nah sind. Der Stein am Wegesrand, im Wind tanzende Blätter, eine Vogelspur im Schnee oder eine Melodie, die in dir singt – das alles können Zeichen sein, die dich noch einmal verbinden mit einem Menschen, mit dem du einst so vieles geteilt hast.“

„Aber das ist es ja gerade, was so schmerzt“, begehrte die Frau auf. „Eben weil es die Erinnerungen gibt, fühle ich mich in der Trauer gefangen! Sie zerren an mir, pressen mich in einen engen Kokon, schnüren mir die Luft ab, ziehen mich in dunkle Verliese.“

„Das ist so, wenn du sie verzweifelt zu bekämpfen versuchst“, erklärte der Schatten leise. „Wenn du sie hingegen zulässt, ja, sie willkommen heißt, darf das gemeinsam Gelebte und Erlebte wie ein fernes Echo in dir nachklingen.“

„Ich weiß nicht, ob ich das will“, sagte die Frau mit einer Spur Bitterkeit in der Stimme. „Ich erlebe es eher so, dass ich mit den Dämonen der Vergangenheit kämpfe. Erinnerungen reißen nur Wunden, und ich spüre die Einsamkeit, das Verlassensein umso deutlicher. Der Mensch, den ich geliebt habe, der mir vertraut war, ist aus meinem Leben gegangen, und trotzdem lässt er mich nicht los.“

„Ist es nicht eher so, dass du ihn nicht loslässt“, fragte der Schatten vorsichtig.

Die Frau krauste verständnislos die Stirn. „Ich habe doch gar keine Wahl, bin nicht gefragt worden, ob es für mich an der Zeit ist, Abschied zu nehmen!“

„Der Abschied durch den Tod eines Menschen oder durch die vom anderen vollzogene Trennung ist unabänderlich, das ist richtig“, lenkte der Schatten ein. „Aber wer sagt, dass du den Menschen nicht weiterhin lieben darfst? Das, was der andere einst in dir an Gefühlen ausgelöst hat, trägst du in dir wie einen Schatz, ein Geschenk. Das, was an Liebe, an Freundschaft, an Verbundenheit zwischen euch war, darf in dir weiterleben. Es hat dich geprägt, dich vielleicht auch verändert. Das sind die Spuren, die bleiben, auch wenn ein Mensch gegangen ist.

Es kann nicht darum gehen, den Menschen und das, was euch verbunden hat, vergessen zu wollen, um den Schmerz des Verlustes nicht mehr zu spüren, sondern sich wieder dem Leben zuzuwenden, das um das Verlorene auch bereichert worden ist. Erinnerungen, die bekämpft werden, können wie ein Stachel im Fleisch bluten. Sie können aber auch liebevoll und tröstend die Seele streicheln, wenn du ihnen erlaubst, dich zu besuchen. Und das ist der Moment, in dem du durchaus eine Wahl hast. Du entscheidest, ob du dich in der Dunkelheit einrichtest, indem du dem Schmerz, der Enttäuschung, ja manchmal auch der Wut, die Macht überlässt. Oder ob du deinen Weg weitergehst und von Zeit zu Zeit die Erinnerung an die Hand nimmst, sie einlädst, wenn du sie brauchst, wenn ihr Echo in dir singen darf.“

„Du meinst“, überlegte die Frau zögernd und richtete sich ein wenig auf, „ich kann die Tür zu den Erinnerungen öffnen, wenn meine Sehnsucht nach ihnen ruft? Und ich kann sie immer wieder auch verschließen, wenn der Zeitpunkt für mich nicht stimmt, wenn ich mich schützen will, weil der Schmerz zu groß ist?“

Der Schatten nickte. „Du bist die Hüterin des Schlüssels für diesen Raum in dir. Und immer bleibt dir die Wahl, die Entscheidung, wie du ihn nutzen möchtest. Und glaube mir, eines Tages wird die Wehmut die bittere Trauer ablösen. Und hinter der Wehmut wartet die Dankbarkeit für das, was dir durch die Begegnung mit diesem Menschen auch geschenkt wurde. Und hadere nicht mit der Trauer. Sie braucht erst einmal ihren Raum, ihre Zeit, und sie darf auch sein. Doch mach sie nicht zu deiner Lebensgefährtin. Sie wird weiterziehen, wenn du ihr die Freiheit schenkst. Und diese Geste wird auch das erlösen, was jetzt noch in Ketten liegt. Hinter dem Horizont der Trauer wartet das Leben auf dich.“

Der Schatten streichelte der Frau liebevoll übers Haar. „Jetzt werde ich meinen Schleier von dir nehmen, damit das Licht den Weg zu dir findet.“

Das Lächeln, das den Schatten verabschiedete, war klein und ging noch auf Zehenspitzen. Doch die Frau spürte erstmals wie eine Verheißung den tragenden Boden unter ihren Füßen.

© Inge Wuthe

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