Perücken – Kopfschmuck für die Seele

Perücken, Modellauswahl in Brauntönen, Foto Ute Boysen

Meine Geschichte

Ich nannte sie „Erna“. Einfach so, spontan und ohne je eine Erna gekannt zu haben. Aber sie sollte einen Namen bekommen, sollte losgelöst von mir als Person, als Frau etwas Fremdes, eine Fremde darstellen, also nannte ich sie Erna – meine Perücke.

Warum ich eine Perücke kaufte? Weil ich Brustkrebs hatte und durch die Chemotherapie alle Haare verlieren würde, wie ich von den Ärzten erfuhr. Der erste Weg führte mich zu meiner Friseurin. Gemeinsam berieten wir, weinten wir und entschlossen uns, zuerst einmal die Haare zu einer flotten Kurzhaarfrisur umzumodeln. Danke Moni noch heute! Ich sah pfiffig aus und versuchte mich bereits gedanklich auf eine Zeit mit Glatze und Perücke einzustimmen – es gelang mir nicht. Was blieb war ein ungutes, ängstliches und deprimierendes Gefühl und ganz viel Traurigkeit.

Dann begann die „schmerzhafte“ Zeit des Loslassens. Meine Haare, wenn auch schon gekürzt, lagen in kleinen dünnen Strähnen auf dem Kopfkissen und es ist mir bis heute, 13 Jahre später, immer noch nicht möglich, ohne wegzwinkernde Tränen an diese Zeit zu denken oder darüber zu sprechen. Was wohl zeigt, wie sehr die eigenen Haare zum Menschen, für eine Frau zur Weiblichkeit gehören.

Und so kann ich nur dankbar an meine „Erna“ denken, die ich mir in dieser Zeit bei der Firma Rieswick aussuchte. Erna war anders als ich, völlig anders. Ich, die blondierte Mittvierzigerin wurde zu einer Frau mit kurzem rotbraunen Look – eben ganz anders. Und das hatte ich bewusst entschieden, sehr zur Überraschung des Beratungsteams. Die meisten Kundinnen, so erfuhr ich, suchen sich eine Perücke aus, die dem eigenen verlorenen Haar nahezu 100 Prozent gleicht.

Meine Erna wurde meine Vertraute. Sie machte viel mit mit mir, wurde auch schon mal zusammengeknüllt in die Ecke geworfen. Sie nahm es mir nie übel. Anfangs saß sie nicht richtig, rutschte auf den haarlosen Stellen hin und her und ich konnte vor lauter Unsicherheit kaum noch in die Stadt fahren. Alle erkennen Erna als das, was sie ist – eine Perücke, so dachte ich. Was nicht zutraf. Als die letzten Haare, Wimpern und Augenbrauen verschwunden waren, musste ich erneut zur Firma Rieswick. Nun wurde Erna endgültig angepasst und saß ab sofort fester auf der Kopfhaut. Etwas beruhigter fuhr ich nach Hause.

Die Zeit mit Erna war schwierig, obwohl sie mir ermöglichte weniger angespannt unter Menschen zu gehen. Und auch wenn es sich nun lustig oder humorvoll anhören mag, meine Angst, dass ein Regenschirm, eine Türkante oder ein erhobener Arm an Erna hängenbleiben könnte und ich mit „nacktem“ Kopf in all meiner Traurigkeit im Einkaufszentrum Arkaden, auf dem Weihnachtsmarkt oder gar auf der Ravardistraße stehen würde, ließ mich innerlich erstarren und nicht mehr am sozialen Leben teilnehmen wollen. Es wurde eine recht einsame Zeit mit Erna.

Und doch hätte ich diese Zeit ohne meine Perücke nicht so gut überstehen können, wie mir heute bewusst ist. Denn der Gedanke, dass Erna mich irgendwann verlassen würde und ich wieder zum Ich werde, gab mir sehr viel Kraft. So betrachtete ich diesen gesamten Zeitraum der schwierigsten Zeit meines Lebens mit einem gewissen Abstand zu mir selbst. Was Erna symbolisierte.

Jeder Mensch, jede Frau geht anders um mit der Krankheit Krebs, der Chemotherapie und dem möglichen Haarverlust. Und nicht alle Frauen entscheiden sich dazu eine Perücke zu tragen. Ich bewundere den Mut mancher Frauen, haarlos in die Öffentlichkeit zu gehen. Für mich wäre es absolut nicht möglich gewesen.

Erna gibt es immer noch. Ich habe sie nicht weggeworfen, denn sie ist ein wichtiger Bestandteil meines Lebens. Bei der zweiten Brustkrebserkrankung vier Jahre später 2008, brauchte ich sie nicht, weil eine andere Behandlung angewandt wurde und ich meine Haare nicht verlor. Heute bin ich gesund, fühle mich wohl und bin sehr dankbar. Und wenn ich Erna in der hintersten Ecke meines Kleiderschrankes sehe, dann hoffe ich von Herzen, dass wir uns nie wieder so nahe kommen wie damals.

 

 

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