Rituale – Gewohnheiten – Veränderungen?

Rituale, Zeitungen und Teetasse, Foto Steve Buissinne auf Pixabay

Während ich genüsslich meinen allmorgendlichen Obstsalat verspeise und wie immer eine Tageszeitungsbeilage lese, fällt mein Blick auf eine Zwischenüberschrift, klein und blass dargestellt inmitten des Textes von Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer zum Thema „Nimm dir Zeit und nicht das Leben“. Ok, den Bericht lese ich aus Zeitmangel erst einmal nicht – aber diese kleine Zwischenüberschrift hat’s mir angetan.

„Rituale geben Halt im ewigen Strom“ heißt es dort und mir fällt genau in diesem Augenblick auf, dass ich selbst mit meinem morgendlichen Ablauf solche Rituale lebe. Auch damals schon, als die Kinder noch klein waren, gab es in unserer Familie jede Menge Rituale. Das abendliche Zubettgehen etwa, das die Kinder bis heute in fröhlicher Erinnerung an eigene Kinder weitergeben. Aber auch die Familienfeste, die jahreszeitlich bedingten Schmückrituale der Wohnräume und Fenster. Sind all‘ das auch Rituale? Oder Gewohnheiten? Oder ist das das Gleiche? Also lasse ich mich ein auf den Bericht und lese los. Und ja – unsere Zeit sinnvoll zu verbringen und gut mit ihr umzugehen, wie es in dem Bericht heißt, das hat durchaus etwas mit Ritualen zu tun.

Was aber unterscheidet Rituale von Gewohnheiten? Rituale geben uns Sicherheit in einer Welt, die ständig Veränderungen unterliegt. Die gleichen Handgriffe, Zeremonien oder Abläufe eines Tages strukturieren diesen, ohne starr sein zu müssen. Rituale können durchaus abgeändert oder auch einmal ausgelassen werden, ohne dass uns etwas passieren würde. Aber wir halten in der Regel daran fest – weil wir diese Handlungen so gewohnt sind? Da ist sie wieder, die Frage nach dem Unterschied zwischen Ritual und Gewohnheit.

Also, fällt mir bei näherer Betrachtung ein, mein Frühstück ist wohl eher eine Gewohnheit. Automatisch sitzt jeder Handgriff in der Küche, beim Tablettherrichten und selbst am Frühstückstisch. Aufmerksamkeit, so bin ich ehrlich, benötige ich dabei wenig. Es ist wohl wie beim Schalten im Auto – automatisiert, weil erlernt und unzählige Male wiederholt. Oder, wie man auch sagt, in Fleisch und Blut übergegangen, wie viele Handlungen eines Tages. Also eher Gewohnheit.

Aber ein Ritual, damit verbinde ich tatsächlich hohe Aufmerksamkeit. Nehmen wir einmal das jahreszeitlich wechselnde Schmücken der Wohnung oder des Gartenbereiches. Mit wieviel Freude und Aufmerksamkeit gehen wir an diese Arbeiten. Überlegen uns schon im Vorfeld, welche Farben dieses Jahr hübsch aussehen würden für die Dekoration. Suchen mit Bedacht die passenden Pflanzen aus und nehmen uns Zeit für das Arrangieren all der gesammelten oder gekauften Kleinigkeiten. Das ist ein Ritual, oder? Wir machen es jedes Jahr wieder, und das zur gleichen Jahreszeit. Wir verändern Kleinigkeiten, ohne die große Sache zu verändern.

Soweit – so gut. Nur, sagt mir eine leise Stimme im Hinterkopf, lesen wir ja auch hin und wieder darüber, wie wichtig Veränderungen für uns sind. Nicht nur die großen wie Umzüge oder Berufswechsel. Sondern die kleinen, die alltäglichen Abläufe zu verändern – das wäre so wirklich wichtig für uns. Um es kurz zu machen, es wird durchaus empfohlen, am Esszimmertisch einen anderen Platz auszusuchen oder mal wieder einen handgeschriebenen Brief auf den Weg zu bringen. Ich erwäge kurz meinen Obstsalat mit der linken Hand zu essen und muss schmunzeln. Das muss ja nicht jetzt sofort sein. Und überhaupt, warum sollen Veränderungen so positiv sein? Haben wir nicht gerade erst gelesen, wie viel Sicherheit uns die Gewohnheiten, wieviel Freude und Aufmerksamkeit Rituale vermitteln? Veränderungen – schon das Wort lässt den Einen freudig erregt darüber nachdenken und den Anderen verschreckt zurückfahren. Oh jeh – etwas anders machen als sonst, andere Menschen treffen als gewohnt, den Tagesablauf anders organisieren als immer schon…. Das kann durchaus auch Unsicherheit, Unwohlsein oder sogar Angst erzeugen. Aber auch Freude, Neugier darauf, was geschehen mag und gewecktes Interesse für Neues, Unbekanntes.

Veränderungen – wir unterliegen ihnen ständig im Alltag. Die gesperrte Straße, die wir immer durchfahren, das geschlossene Geschäft, in dem wir immer einkauften. Die Nachbarn, die wegziehen, der verwelkte Blumenstrauß im Wohnzimmer, der in die Mülltonne geworfen wird. All‘ das sind alltägliche Veränderungen, mal kleine, mal große. Mal völlig belanglose, mal ernsthafte – aber immer sind es Veränderungen.

Gemeint sein sollen aber hier die bewusst herbeigeführten Veränderungen unseres eigenen Lebens, das Abweichen von Gewohnheiten. Ein neues Hobby etwa, ein Ehrenamt, eine andere Abendgestaltung oder das Suchen nach neuen Menschen, um gemeinsam irgendetwas zu unternehmen. Die Betonung liegt ganz klar auf dem kleinen Wort „bewusst“. Mit Absicht, mit einem Ziel und mit voller Aufmerksamkeit selbst Kleinigkeiten verändern. Das bringt sogar die Gehirnzellen auf Vordermann und nicht zuletzt, je nach Tätigkeit, auch den Körper.

Abschließend allerdings geht mir durch den Kopf, dass es auch „Gewohnheitstiere“ gibt. Menschen, die sich absolut wohlfühlen mit all ihren Ritualen und Gewohnheiten. Und deshalb – bleiben Sie doch dabei – Hauptsache es geht Ihnen gut.

(Erstveröffentlichung Oktober 2015)

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