“Schlafittchen”? Bedeutung und Herkunft

Was wir so alles sagen…

Streitende Figuren, Foto rollstein auf pixabay

Dieses so seltsam anmutende Wort „Schlafittchen“ wird von Vielen auch gerne als „Schlawittchen“ ausgesprochen. Leider ist diese Ausdrucksweise falsch. Bekannt ist dieser Begriff schon, wenngleich die Interpretation weit auseinander geht. So fragte ich wieder einmal nach und erfuhr folgendes:

Gregor B. (37) schaute mich erst einmal mit hochgezogenen Augenbrauen fragend an und ich musste das Wort „Schlafittchen“ wiederholen. „Das habe ich noch nie gehört“, meinte er und fuhr fort, dass ihm dieser Begriff in keinster Form bekannt sei und er ihn auch in keinem Zusammenhang sehen oder erklären könne. Monika Lohmer (54) kennt „Schlafittchen“ aus ihrer Heimatregion Bonn. „Das ist mir bekannt, weil wir im Rheinland „Schlawittchen“ sagen zu Mädchen, die flott unterwegs sind. Aber der Begriff ist verlorengegangen, weil er nicht mehr zeitgemäß ist.“ Eine dritte Antwort gab mir die 86jährige Seniorin Rosemarie R. „Ja das ist mir bekannt. Wenn man etwas rauskriegen will aus einem Menschen, dann sagt man ‚den pack ich am Schlafittchen‘, aber ob das heute noch so angewandt wird weiß ich nicht.“

Und tatsächlich wird unter www.wikipedia.de erklärt, dass „Schlafittchen“ oder fälschlicherweise „Schlawittchen“ eine offenbar recht alte Bezeichnung für Hemd- oder Jackenkragen, Rock- oder Ärmelzipfel sein soll. Benutzt wird der Ausdruck mit den Worten „Jemanden am Schlafittchen packen“.

Gänsegruppe, Foto Elsemargriet auf pixabay

Aber woher stammt dieses seltsame Wort, ist es einmal ausgedacht worden? Ist es verfälscht weitergegeben worden über die Jahrzehnte oder darüber hinaus? Oder liegt ihm eine tiefere Bedeutung zugrunde? Unter www.wissen.de fand ich eine einleuchtende Erklärung. Dort wird berichtet, dass besondere Federn am Flügel der Gänse und Enten, Schwungfedern genannt, mit unserem heutigen Begriff zu tun haben sollen. Angeblich soll genau diese Stelle am Körper der Tiere zum festen Griff geeignet sein, weil das Tier weder wegfliegen noch mit dem Schnabel hacken kann. So macht es durchaus Sinn, Jacken- und Hemdkragen oder Ärmel als „Schlafittchen“ zu benennen. Denn ein flüchtender Mensch konnte daran festgehalten werden.

Aber auch „Jemanden am Schlafittchen packen“ und ihr oder ihm mal richtig die Meinung zu sagen, scheint sprachgebräuchlich zu sein und soll bereits im Jahr 1817 als Redewendung beschrieben worden sein. Die Redewendung „Nicht viel Federlesens machen“ hat dagegen mit unserem heutigen Begriff so gar nichts zu tun. Selbst im Deutschen Wörterbuch (DWB) der Gebrüder Grimm (1894 und 1899) ist das Wort Schlafittchen zu finden. Und erstaunlicherweise hat unsere ehemalige Bundeskanzlerin Angela Merkel in einer politischen Rede vom 06.06.2017 den Begriff „Schlafittchen“ ebenfalls benutzt (Quelle:  https://www.dwds.de/r?corpus=politische_reden;q=Schlafittchen).

Das setzt voraus, dass die Mehrheit unserer Mitmenschen das Wort kennt, wenngleich sie es möglicherweise auch nicht selbst benutzt. Ansonsten würde es ja wenig Sinn machen, Begriffe zu verwenden, die niemand mehr versteht. Dazu fällt mir dann die heutige Jugendsprache ein, die durchaus eine Vielzahl an Begriffen beinhaltet, die ab einer gewissen Altersklasse unverständlich erscheint. Aber das ist wieder eine andere Geschichte.

Wie sieht es mit der Tagespresse aus? Wird das Wort „Schlafittchen“ dort noch benutzt? Beim Stöbern findet man durchaus Berichte in der „Berliner Zeitung“, im „Tagesspiegel“ oder in „Die Zeit“ (Quelle: https://www.dwds.de/r/?corpus) und wahrscheinlich in zahlreichen anderen Tageszeitungen oder Magazinen ebenso. Es mag aber auch sein, dass jüngere Journalisten, Redakteure, Reporter und Autoren anderen Synonymen in ihrer Berichterstattung den Vorzug geben. Einfach aus dem Bewusstsein heraus, dass es allgemein verständlicher erscheint. So besitzen die Worte „festhalten, ergreifen, verhaften oder festnehmen“ eine deutlichere bildliche Vorstellung von dem, was geschildert wird.

Wie dem auch sei – der Begriff „Schlafittchen“ oder die Redewendung „Jemanden am Schlafittchen packen“ sind bisher nicht ganz verschwunden aus unserem Sprachgebrauch und konnten sich bis in die heutige Zeit erhalten.

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