Schlittengeschichte

„Weißt Du noch…?“

Serie WDN Schlittengeschichte, Tiefschnee im Winterwald, Foto Ute Boysen

Während einige Senioren/innen in den trüben grauen Winternachmittag schauen, fällt ihnen auf, dass die Winter der fernen Vergangenheit „rein vom Gefühl her“ sehr viel schneereicher gewesen seien. (Was derzeit allerdings nicht auf weite Teile Bayerns zutrifft.) Und überhaupt, was haben sie für herrliche Erinnerungen an Schneeballschlachten und Schlittenfahrten. Ach ja, apropos Schlitten… die sahen ja so manches Mal auch ganz anders aus als heute. Und so erzählte mir Anneliese K. (79) ihre Schlittengeschichte.

Serie WDN Schlittengeschichte, Kinder mit Schlitten, Foto Anneliese K. privat

„Mein Vater war Schreinermeister und im Winter 1944/1945 bei der Marine eingesetzt. Während seines Heimaturlaubs lag sehr viel Schnee in unserer kleinen Stadt, wo wir damals lebten. Ich sollte eine Überraschung bekommen und er beauftragte seinen Freund, den Schmied, mir einen Schlitten zu bauen. Es sollte ein stabiler schmiedeeiserner Schlitten sein, an dem wir Kinder lange Freude haben sollten.“ Und so fertigte der Schmied aus Eisenrohren einen wirklich haltbaren Schlitten. Die Sitzfläche bestand wie auch bei anderen Schlitten aus Holzlatten, die der Schreiner selbst anbrachte. (Auf Nachfrage bestätigte Karl G., Sohn des damaligen Schmiedes, dass diese Art Schlitten von seinem Vater in besonderen Ausnahmefällen hergestellt wurden, da auch schon andere Modelle erhältlich waren.)

Die Seniorin erinnert sich daran, dass ihr Schlitten viel besser rutschte als andere  mit Eisenkufen. Waren die Rohre über die Sommermonate angerostet, so zogen die Kinder den Schlitten zwei bis drei Mal durch den Schnee und schon waren die Eisenrohre wieder blank. „Wir mussten nie mit Kerzenwachs oder Seife die Kufen einwachsen“, erzählt sie.

Damit die Kinder aber überhaupt mit dem Schlitten durch die Landschaft ziehen oder rodeln konnten, hatte ihr Vater zuerst einmal „Wege“ im tiefen Schnee anlegen müssen. „Unser Vater spannte mit Seilen eine große Kiste hinter das Pferd und zog diese dann durch den hohen Schnee. So entstanden mehr oder weniger breite Wege, auf denen wir mit unserem Schlitten fahren konnten“, erinnert sich die Seniorin an den Aufwand, den ihr Vater betrieb, um den Kindern die Möglichkeit für dieses Schneevergnügen zu bieten. Ihr fällt weiter ein, dass der schmiedeeiserne Schlitten auch noch anderweitig genutzt wurde. „Meine Mutter zog den Schlitten eine weite Strecke hinter sich her und erledigte so den Lebensmitteleinkauf.“

Aus dem Kind Anneliese war längst eine erwachsene Frau und Mutter geworden, als der Schlitten wieder zum Einsatz kam. Ihre vier Kinder erlebten so manch einen Winter mit ihm. Selbst einige Enkelkinder der Seniorin spielten und tobten noch mit dem eisernen Schlitten. Sie erzählt, dass erst im Jahr 2000, also 55 Jahre nach der Herstellung, die unteren Rohre völlig zerschlissen und abgenutzt waren. „Dann haben wir ihn endgültig wegwerfen müssen“.

Und heute? Rodelschlitten gibt es in den verschiedensten Ausführungen und Materialien immer noch. Das bekannteste Modell besteht aus Holzlatten und eisenbeschlagenen Kufen, doch hat der Handel in den letzten Jahren viele andere Rodelspaß-Geräte auf den Markt gebracht, wie zum Beispiel Minibobs mit Haltegriff aus Kunststoff, die wie eine Plastikschaufel aussehen oder aufblasbare Schneeschläuche.

Der alte Eisenschlitten von Anneliese K. hat jedoch beispielhaft lange drei Generationen fröhlicher Kinder sicher durch den Schnee getragen und bleibt der Familie unvergessen.

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