Steine picken

„Weißt Du noch?“

Bruchsteine eines abgerissenen Hauses, Foto Ute Boysen

In einer meiner Erinnerungsgeschichten ging es um die Straßenspiele der Kriegs- und Nachkriegsjahre und den Erfindungsreichtum der Kinder. Weil aber die Freizeit vieler Kinder im Deutschland dieser Zeit nicht nur mit Spielen, sondern zusätzlich mit Arbeiten verbracht wurde, widme ich dem „Steine picken“ diesen gesonderten Bericht.

Die 80jährige Hildegard T. verbrachte viele Jahre ihrer Kindheit spielend in Bocholt, bis es damit 1945 für lange Zeit vorbei war. Um die immensen Kriegsschäden an Gebäuden, Kirchen und Wohnhäusern zu beseitigen wurden  helfende Kinder gebraucht, denn es galt das Land, die Region, die Stadt, wieder aufzubauen.

„Als die Brand- und Sprengbomben über unserer Stadt niedergingen war niemand von unserer Familie zu Hause und wir hatten großes Glück, aber das Haus war zerstört.“ Die Seniorin verstummt einen Augenblick und hängt ihren Erinnerungen nach „wir haben ja in der Stadtmitte gelebt und da war so unglaublich viel rings um uns herum zertrümmert, die Straßen lagen voller Schutt.“

Damit die kleine fünfköpfige Familie so schnell wie möglich zurückziehen konnte in das eigene Heim war es nun unumgänglich, dieses wieder aufzubauen. Und hier nun kam die Kinderhilfe zum Einsatz, denn für das benötigte Baumaterial mussten die herumliegenden  Bruchsteine bearbeitet werden. „Das war mühselig“, sagt die alte Dame und fährt fort, dass diese Steine von Mörtelresten befreit werden mussten. „Werkzeug hatten wir ja nicht immer und deshalb haben wir andere Steine zum Abschlagen des Mörtels genommen. Meine Geschwister und ich verbrachten Stunde um Stunde damit die Steine wieder sauber zu bekommen.“ Die so bearbeiteten Steine wurden fein säuberlich gestapelt und direkt zum Wiederaufbau des Wohnhauses verwendet.

Bruchsteine, Mauerreste, Foto Ute Boysen

„Aber wir haben nicht nur für unsere eigenen Wohnhäuser die Steine gepickt“, erzählt die Seniorin. Es war für die Kinder selbstverständlich, überall dort mit zu helfen, wo ihre Hilfe gebraucht wurde, sei es bei den Steinen der zertrümmerten Kirche oder bei Nachbargebäuden. Gerne hätten sie diese Arbeiten gemacht und die Notwendigkeit mit zu helfen hätten alle Kinder gesehen und verstanden.

Das bestätigt Karl-Heinz B. (72) und fügt hinzu:“ Als ich so etwa acht Jahre alt war bin ich mit anderen Kindern und einem Bollerwagen losgezogen und habe Bruchsteine „gesammelt“ für uns, aber auch für andere Leute.“ Als sein Vater aus dem Krieg nicht zurückkehrte, wurde ihm und seiner Mutter  eine Behelfswohnung zugeteilt. „Nach der Schule sind wir also regelmäßig zum Steine sammeln und picken unterwegs gewesen. Die sauberen Steine haben wir bei der Kleingartenanlage im Stadtwald abgeliefert und dort wurden Hütten daraus gebaut für die Leute, die sich mit Obst- und Gemüseanbau selbst versorgten. Auch beim Aufbau dieser kleinen Steinhäuser haben wir Kinder mitgeholfen, weil gegenseitige Hilfe damals groß geschrieben wurde“, erzählt der Senior weiter.

Später zog die Familie in eine Parzelle, die sie von der Stadt erhalten hatten und der junge Karl-Heinz zog wieder los zum Steine sammeln und picken. Hier sollte ein Hühnerstall gebaut werden. Wo konnten denn Bruchsteine „gesammelt“ werden? Bewachten die Eigentümer nicht ihre Steine?  „Auf den verwaisten Grundstücken Ecke Hungerkamp/ Fahrrad Rose“, antwortet der Senior und schildert mir die damalige Situation. „Die Gebäude dort lagen als Ruinen auf den Grundstücken, die Besitzer kamen nicht zurück. Keiner hat sich darum gekümmert, Niemand verscheuchte uns Kinder. Unbehelligt konnten wir so die Bruchsteine sauberpicken und mitnehmen für neue Bauten wie unseren Hühnerstall.“

Hildegard T. und Karl-Heinz B. sind nur zwei Menschen unserer Stadt, nur zwei Zeitzeugen, die mir zum Thema Steine picken ihre Erinnerungen erzählten. Aber ich bin sicher, dass sich alle älteren Menschen, die diese Zeiten miterlebten, an ähnliche Begebenheiten erinnern werden.

(Erstveröffentlichung Juli 2013)

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