Tafel, Griffel, Sütterlin

„Weißt Du noch?“

Weißt du noch, Tafel mit alten Buchstaben, Foto Dieter Schütz_pixelio.de

Werden Kinder egal welchen Alters gefragt, ob sie gerne zur Schule gehen, ihre Lehrer mögen, mit viel Freude ihre Hausaufgaben machen und darüber hinaus auch noch zusätzlich lernen, dann erntet der Fragesteller in den seltensten Fällen ein allumfassendes „Ja“…  Das hat sich von Generation zu Generation nicht geändert – jedoch in der Erinnerung an längst vergangene Schuljahre verklärt sich ein wenig der Blick – bei Allen.

Die Eheleute Anneliese und Heinrich N., beide über 80 Jahre alt, beschreiben die Jahre ihrer Schulzeit im ländlichen Münsterland. „Ich wurde schon mit fünf ein halb Jahren eingeschult und verbrachte die ersten vier Jahre in der Grundschule. Aber ich musste auch früh die Schule beenden. Das war damals so, weil ich mit heran gezogen wurde zur Arbeit“, bedauert der Senior die Unmöglichkeit, weiterführende Schulen für mehr Wissen besuchen zu dürfen.

Sehr anschaulich und lebendig schildert seine Frau Anneliese ihren Schulalltag und hat noch heute das Schulmaterial deutlich vor Augen. „Wir haben sehr lange, bis zum vierten Schuljahr, auf den kleinen schwarzen Schiefertafeln geschrieben. Eine Seite war mit Linien versehen, die andere Seite kariert. An der Seite hing am Faden befestigt der Schwamm zum Reinigen der Tafel und geschrieben wurde mit einem Griffel. Wir hatten ein Rechenbuch und ein Lesebuch, mit viel Glück noch einen Zeichenblock und das war’s“.

Eingeschult wurde die Seniorin 1938, in einer  Zeit, in der noch die deutsche Sütterlin-Schrift, beziehungsweise die später abgewandelte Form, Deutsche Schrift genannt, vermittelt wurde (erst ab etwa 1942 wurde dann zusätzlich die bis heute erhaltene lateinische Schrift in den Schulen eingeführt). Das bedeutete für Anneliese Naves eine große Umstellung, wenn es nicht sogar als völliges Neu-Erlernen bezeichnet werden muss, denn ab sofort wurde nur noch in neuer Weise gelesen und geschrieben und die Schulbücher erschienen in Lateinischer Schrift.

„An das Schönschreibheft kann ich mich gut erinnern und später an die abgelegten Bücher älterer Schüler.“ Die Seniorin erzählt über die Federhalter mit Holzgriffen und die blaue Tinte aus dem Glas-Tintenfässchen. Verschiedene Vorsätze an Metall-Federn zum Aufstecken am Federhalter ermöglichten unterschiedliche Strichbreiten beim Schreiben. Und sie vergisst auch nicht zu erwähnen, dass keiner ohne Löschpapier auskam, denn Tintenkleckse gab es zu allen Zeiten, selbst heute noch. Um die Federhalter und Tintenfässchen ordentlich ablegen zu können waren in den leicht schräg gestellten Tischplatten der Schulbank Rillen und eine Aussparung angelegt. Damals waren die Sitze für zwei nebeneinandersitzende Kinder noch fest verbunden mit der Tisch-/Schreibplatte und die Umschreibung „die Schulbank drücken“ (zur Schule gehen, Schüler sein) stammt aus dieser Zeit.

Weißt du noch, alte Schulbänke mit Ranzen, Foto Rainer Sturm_pixelio.de

Anneliese N. ging in einem kleinen Örtchen zur Schule, einer ländlichen Gegend, in der es in der kleinen Schule nur zwei Unterrichtsräume gab. Allerdings, so schildert sie, wurden in diesen Räumen jeweils vier Klassen unterrichtet! Das muss man sich einmal bildlich vorstellen: eine große Anzahl Kinder verschiedenen Alters und Bildungsstandes mussten in einem Klassenraum gelehrt und beschäftigt werden. Welch eine große Disziplin der Kinder setzte das voraus! Welch eine Ruhe und Gelassenheit der Lehrer! Sicher klappte das nicht immer und überall, doch wäre es heute fast undenkbar.

Heinrich N. fällt während der Erzählung seiner Frau noch ein, dass in seiner Schule häufig zu viele Kinder in der Klasse waren und ein vernünftiges Lernen somit nicht mehr möglich. Also wurden kurzerhand die fünf bis sechs Kinder mit den besten Leistungen hochgestuft in die nächste Klasse. Letztendlich mussten diese aber die letzte Klasse wiederholen, so dass es keine Zeitersparnis gab. Den Eheleuten fallen noch viele Einzelheiten zur damaligen Schulzeit ein, wie beispielsweise die Sportart „Völkerball“ im Turnunterricht oder die Zeiten des Fliegeralarms, als die Kinder in die Keller flüchten mussten.

Selbst das von den Lehrern bestimmte und angeordnete Sammeln von Haselnuss-, Brombeer- und Zinnkrautblättern ist nicht vergessen. „Dieses Sammeln war ein absolutes Muss!“ sagt die Seniorin und ihr Mann bestätigt, dass die getrockneten Blätter in Säcken mit zur Schule genommen wurden. Je nach Gewicht erhielten die Kinder Zensuren dafür. Die Schulen wiederum gaben die Säcke weiter zu entsprechenden Verarbeitungsstellen, bei denen aus den Blättern Tee hergestellt wurde für die Soldaten.

Die Eheleute erwähnen am Rande, dass sich Vieles in und um die Schule herum unter politischem Einfluss befand und andere Senioren und Seniorinnen bestätigten mir, dass häufig die Haupt-Klassenlehrer zu den wichtigen Parteimitgliedern der damals vorherrschenden politischen Machthaber zählten.

Und heute? Die Klassengrößen sind enorm geschrumpft, die Anzahl der Schulen von den Grundschulen bis zu den weiterführenden Schulen hat nach und nach abgenommen, die Schulformen haben sich verändert und erst recht die Lehrinhalte. Englisch ist gar nicht wegzudenken aus dem Schulalltag, Mobbing im Zeitalter von sozialen Netzwerken wie Facebook und Co. häufig ein Grauen für Betroffene und die Studenten mit dem Ziel Lehrer zu werden sind zu bewundern. Aber letztendlich gab es zu keiner Zeit so viele Möglichkeiten zur Bildung und Weiterbildung wie heute – diese Chance heißt es zu ergreifen!

(Erstveröffentlichung Januar 2014)

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