„Unter die Haube kommen“

Redensarten, Unter die Haube kommen, zwei Frauen beim Mittelalterfest Mülheim, Foto Ute Boysen

Aus dem Fundus unserer Sprache

Zum Thema dieser Serie stellte ich Inge Betting (77) die Frage, ob sie die Redensart „unter die Haube kommen“ kenne, diese selbst noch anwenden würde oder auch vielleicht die Herkunft erklären könne. Als jüngeren Menschen befragte ich Lorina C., 26 Jahre alt.

Seniorin Betting erklärt sich die Redensart folgendermaßen: „Früher wollte man verheiratet sein und trug dann eine schönere Haube als die ledigen Frauen, woran man erkannte, dass die Frau verheiratet war.“ Sie selbst benutzt die Redewendung allerdings nicht mehr, weil sie ihr zu überholt erscheint, denn ihrer Meinung nach ist „unter die Haube kommen“ schon eine sehr alte Bezeichnung.

Lorina C. erklärt sich diese Worte ganz anders. Sie leitet die Redensart ab vom Begriff „Schutz“ und überlegte sich: „Etwas unter eine Haube bringen, zum Beispiel beim Auto einen Motor, bedeutet den Motor zu schützen. Und bei einer Partnerschaft könnte es sein, dass der eine Partner eine Schutzfunktion für den anderen übernimmt.“

Und was genau bedeutet diese Formulierung nun wirklich? Dafür muss weit in die Vergangenheit geblickt werden, denn die Epoche vor mehr als 700 Jahren wurde von der Zeitschreibung „Mittelalter“ genannt. Bereits vorher gab es  in vielen Ländern der Erde Kopfbedeckungen für Frauen mit unterschiedlichen Funktionen oder zu verschiedensten Anlässen. Im Mittelalter jedoch war es nur jungen Mädchen oder unverheirateten Frauen erlaubt die Haare offen zu tragen, da diese einen anderen Stellenwert als heute besaßen und als aufreizend galten – und somit spätestens nach der Hochzeit bedeckt werden mussten.

Eine Heirat betrachteten die jungen Frauen damals als absolut erstrebenswert, so dass sie die mit der Eheschließung verordnete Pflicht eine Haube zu tragen ausgesprochen positiv sahen. Nun konnten sie öffentlich zeigen, dass sie „unter der Haube – also verheiratet“ waren und damit ehrbar und angesehen. Mit Stolz trugen die Ehefrauen ihre Haube, verlieh ihnen diese doch eine gewisse Würde. Und hatte ein Vater seine Tochter „unter die Haube gebracht“ war er eine große Sorge los und genoss ebenso ein verbessertes Ansehen.

Je nach gesellschaftlichem Stand variierten die Materialien oder Macharten der Kopfbedeckung. Konnten sich die einfachen Frauen nur Hauben aus Leinen, Schafwolle oder einfachem Tuch erlauben, so genossen später andere Gesellschaftsschichten Hauben aus kostbareren Stoffen und Seide, mit Schleifen oder Spitzenverzierungen, Bändern oder Blumenschmuck. Die Ärmsten der Bevölkerung jedoch konnten sich überhaupt keine Haube kaufen und zeigten ihre Anständigkeit und Würde der verheirateten Frau, indem sie einfachste Leinentücher zu einer Turban ähnlichen Kopfbedeckung verknoteten.

Ein besonderes Merkmal stellten gelbe Bänder an der Haube dar, denn so mussten die einem nicht ehrbaren Gewerbe nachgehenden Frauen sich durch diese Bänder als solche erkennbar zeigen.

Bis ins 19. Jahrhundert reichend trugen Frauen also Hauben, wenngleich nicht mehr ausschließlich aus dem Grund, ihren Familienstand „verheiratet“ nach außen sichtbar zu demonstrieren. In etwa ab dem Jahr 1900 herum bis heute wurden und werden unterschiedlichste Hauben in erster Linie zu landesüblichen Trachten getragen. Diese teilweise aufwendigen und kostbaren Kopfbedeckungen gehören in vielen Ländern Europas zur Tracht und werden nach alten Überlieferungen hergestellt.

(Erstveröffentlichung im April 2014 im Seniorenmagazin).

 

 

 

 

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