Verstehen Sie Englisch?

Werbung

Englisch, Werbung in einem Schaufenster, Foto Ute Boysen

Vor einiger Zeit besuchte ich mal wieder Köln, bummelte durch die Einkaufsstraßen und bemerkte eine Fülle an englisch sprachiger Werbung. Auf und in den Schaufenstern, auf Plakaten oder Flyern (= Werbungsbroschüren)  – englische Begriffe, Reklame und Undefinierbares. Ok, dachte ich mir, Köln ist touristisch betrachtet eine äußerst attraktive Stadt und der Handel reagiert entsprechend auf die hohe Anzahl der Besucher aus dem Ausland. Nur – verstehen es auch die Kölner?

Wieder zu Hause in unserer überschaubaren Kleinstadt an der holländischen Grenze, ich hatte das kleine Erlebnis der „Werbung in Köln“ schon fast vergessen, unternahm ich einen Einkaufsbummel mit meiner damals 82jährigen Mutter. „Sale, Sale,“ bemerkte sie plötzlich und sprach es aus mit einem „a“. Lächelnd korrigierte ich Mutti und erklärte ihr die richtige Aussprache. Und plötzlich wurde mir wieder bewusst, wie verwirrend all‘ die englischen Begriffe in der Werbung für unsere Seniorinnen und Senioren sein müssen, die zum großen Teil niemals Englisch gelernt haben. So wie meine Mutter – abgesehen von den Jahren des Vokabel Abhörens während meiner Schulzeit – und die liegt lange zurück.

Also „Sale, Sale“, wohin man schaut, große rot-weiße Schilder, auf denen nichts anderes steht als „Verkauf, Verkauf“. Ja – was sonst passiert in den Geschäften, denke ich mir und weiß ja, dass hier besondere Angebote locken sollen oder eine Art Schlussverkauf stattfindet. Aber unsere Senioren wissen es nicht immer!

Englisch, Schild in einem Schaufenster, Foto Ute Boysen

Und dann schlendere ich sensibilisiert durch unsere und andere Städte und sehe „fruchtige Smoothies“ – Mutti weiß nicht, was sie dort bekommt, sehe Werbung für einen „online-shop“ und meine Mutter bringt das Wort „online“ immerhin schon mit dem Computer in Zusammenhang. „Gym bags“ werden angeboten und „coming soon“ leuchtet grell auf einer zugebretterten Schaufensterscheibe. Das „Flagship-house“ eines Unternehmens hat sich herausgeputzt und „end season“-Angebote gibt es an jeder Ecke. „New In Trends Instore“ lockt sicher nicht in den Laden, weil jeder Kunde die Botschaft versteht und „Ticket per App“ verstehen ohnehin nur Computer- oder Smartphone-Nutzer.

Also, so frage ich mich, wie sollen sich unsere immer älter werdenden Kundinnen und Kunden zurecht finden? Warum zielt all‘ diese englische Werbung im Grunde nur auf jüngere Kundschaft? Warum wird so wenig Rücksicht genommen? Warum fehlt die Einsicht, dass Englisch eben nicht von allen Deutschen gesprochen wird und warum benutzen die hochdotierten Werbeagenturen oder Schauwerbegestalter nicht einfach einmal die umfangreiche Synonym-Vielfalt unserer deutschen Sprache? Für fast jeden deutschen Begriff gibt es zahlreiche Ausdrucksvarianten – man muss sich nur einmal ein wenig Mühe geben – und schon könnte sich ganz neues Kundenpotential erschließen.

Unsere Seniorinnen und Senioren wären hocherfreut darüber jede Werbung zu verstehen, oder?

(Erstveröffentlichung Juni 2016)

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