Volksempfänger – Heimlichkeiten um ein Radiogerät

Weißt Du noch?

Jahreszahlen als wiederkehrendes Foto zur Serie „Weißt Du noch“, Foto Ute Boysen

Mit dem Begriff „Volksempfänger“ verbinden ältere Menschen eine dunkle Seite der deutschen Geschichte, denn dieses ganz spezielle Radiogerät wurde zu ganz speziellen Zwecken gebaut. Bereits 1923 hatte in Berlin der Hörfunk seine Arbeit aufgenommen und unterhielt etwa 1000 angemeldete Hörer mit Musik. Die Hörerzahlen nahmen nur langsam zu, denn ein Radio war teuer in der Anschaffung und kostete schon damals monatliche Gebühren.

Aber mit dem Anbruch einer neuen politischen Zeit wurde die Entwicklung eines Radioapparates in Auftrag gegeben, der es allen Bürgern ermöglichen sollte, die Propagandaausstrahlungen der neuen Machthaber zu hören. 1933 war es so weit – der Volksempfänger wurde anlässlich der Großen Deutschen Funkausstellung in Berlin vorgestellt – und stand bereits nach kürzester Zeit bei fast einer Million Bürgern zu Hause, Tendenz steigend.

Serie Weißt Du noch, Thema Volksempfänger, altes Gerät Volksempfänger, Foto Ute Boysen

Seniorin E., 1933 geboren, erlebte als kleines Mädchen viele Situationen mit und um den Volksempfänger herum. „Mein Vater hatte ein kleines Holzfuhrengeschäft und wurde dienstverpflichtet nach Wuppertal, meine Mutter ging mit“, erzählt die Seniorin und dass sie mit der Großmutter und dem lungenkranken Onkel allein und auch recht einsam zurückblieb. „In unserer Nachbarschaft hatten wir den einzigen Volksempfänger, Radios mit zwei Sendern waren zu teuer, aber dieses neue Gerät wurde preiswert angeboten“. Senior Franz B. (81) ergänzt an dieser Stelle, dass jede Frau, die ihr 8. Kind geboren hatte, vom Führer als Patengeschenk einen Volksempfänger erhielt.

Die alte Dame erinnert sich daran, dass nicht nur die „normalen“ ausgestrahlten Nachrichten angehört wurden, sondern vielmehr und verbotenerweise in den Abendstunden das Programm der damals so genannten „Schwarzsender“ verfolgt wurde. „Unser Volksempfänger stand oben auf dem Küchenschrank und da ich klein war, durfte ich auf dem Stuhl stehen und hatte eine wichtige Aufgabe“, berichtet die Seniorin. „Falls jemand unverhofft zu uns kam musste ich sofort reagieren und den Volksempfänger blitzschnell ausschalten.“

In der Familie von Franz B. ging es allerdings anders zu, denn sein Vater machte sich eher Sorgen darüber, dass der kleine Franz etwas ausplaudern könnte. „Kindermund erzählt schnell“, soll er immer gesagt haben und deshalb war es für den Kleinen zu gefährlich anwesend zu sein. Worum ging es überhaupt? Was war denn gefährlich beim Radiohören? Die älteren Leser haben es erlebt, die jüngeren vielleicht noch nie davon gehört – nur die ausländischen Rundfunksender wie BBC London beispielsweise berichteten über die tatsächlichen Kriegsvorkommnisse und auch Verluste der Deutschen. So gesehen erhielten die Bürger nur durch diese Sender reale Informationen über die Kriegsaktivitäten. Der Volksempfänger war daher viel mehr als ein „bloßes Radio“ – er stellte den Weg zur Welt nach draußen dar.

Dieser kleine schwarze Kasten mit dem mittigen grauen Kreis, wie E. ihn beschreibt, konnte den Menschen also recht gefährlich werden. Denn dieses Schwarzhören der ausländischen Sender wurde anfangs sogar mit Todesstrafe belegt, um diesen Hörern wirklich Angst einzuflößen. „Wir hörten im Kreis der Nachbarn immer wieder vom Anflug der Kampfflugzeuge beispielsweise von Holland her und hatten alle große Angst. Angst erwischt zu werden beim Hören dieser Sender, aber auch Angst von gefallenen Soldaten zu erfahren, die möglicherweise in den Bombardierungsgebieten eingesetzt waren, wie unsere Väter, Söhne oder Brüder“, erzählt die Seniorin. Doch gab der Sender BBC nicht nur Verluste der Deutschen bekannt, sondern auch Warnungen.

„Diese Ansagen machten uns traurig und ängstlich und dennoch empfanden wir unseren Alltag als normal.“ So der Rückblick an ein kleines Mädchen in den Kriegsjahren, auf einem Küchenstuhl stehend und sich seiner wirklich wichtigen Aufgabe bewusst. „Nach dem Krieg“, erinnert sie sich „mussten wir uns ganz umorganisieren, denn plötzlich war alles ganz anders, eine völlig andere Situation rund um den Volksempfänger. Nun war es möglich sonntags nachmittags Wunschkonzerte zu hören.“ Ihr Vater kam wieder nach Hause und brachte ein „richtiges“ Radiogerät mit. Die Nachbarn saßen wieder gesellig zum Plaudern zusammen und wie die Seniorin bemerkt „… die Geheimniskrämerei rund um den Volksempfänger hatte ein Ende“!

Senior B. denkt am liebsten zurück an den Sender Rias Berlin und die musikalischen Ausstrahlungen von Wilhelm Strienz „Heimat Deine Sterne“ oder Lieder wie „Lilli Marleen“. Er denkt gerne zurück an Cabaret Sendungen mit Dieter Hildebrand oder Sendungen mit einem der Radiopioniere Chris Howland, auch Heine Pumpernickel genannt.

Und heute? Laut Bericht des Verbands Privater Rundfunk und Telemedien e.V. von 2012 hören rund 80 Prozent der Deutschen (ab 10 Jahren) täglich Radiosendungen. Meistens integriert im Alltags- und Berufsleben verfolgen also Millionen Menschen das breite Angebotsspektrum der zahlreichen Radiosender und erfreuen sich an den Programmen – die Angstzeiten vor dem Gerät gehören in die tiefe Vergangenheit.

Unter http://www.radiozentrale.de/studien-und-daten/themen-module/radiohoerer-im-fokus/ zeigen Statistiken neueren Datums aufgeschlüsselte Werte unter anderem nach Altersstufen.

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