„Weißt Du noch?“

Strümpfe, verschiedene Beine mit Strümpfen, Foto Laurissima_pixelio.de

Vom Strickstrumpf zu den Nylons

Neben all den technischen Errungenschaften der vergangenen Jahrzehnte denkt kaum noch Jemand an die seinerzeit revolutionären Erfindungen, wie zum Beispiel die Nylonstrümpfe. Welch‘ eine Aufregung herrschte etwa 1940, als die Firma DuPont in den USA die ersten Nylons (abgekürzter Name) anbieten konnte und mit welch einer Hysterie stürzten sich die Frauen auf dieses neue Produkt.

Die deutsche Firma IG Farben entwickelte zeitnah aus einem ähnlichen Material Strümpfe, die hierzulande „Perlons“ genannt wurden; doch dieser Begriff fand nicht den Weg in den Sprachgebrauch Die Nylons blieben weltweit Nylons. Marlis Rupprecht, geboren 1930 und heute 87 Jahre alt trug in ihrer Jungmädchenzeit zunächst die üblichen Woll- und Strickstrümpfe, die zwar lang waren, aber wenig attraktiv.

„Zum Kriegsende hin kamen die Amerikaner und brachten den deutschen Frauen Nylonstrümpfe als Geschenke mit“, erzählt sie und wie verrückt die Frauenwelt auf diese Strümpfe reagierte. „Man hatte doch viel schönere Beine damit und fühlte sich sehr viel weiblicher. Endlich – nach all diesen Kriegsjahren.“ Zum Tanz-Abschlussball 1947 trug Rupprecht ein selbstgenähtes Ballkleid in Wadenlänge und bekam dazu Strumpfhalter und Nylonstrümpfe von ihren Eltern geschenkt. „Ich war so stolz darauf und fühlte mich unglaublich chic“, lächelt sie versunken in ihre Erinnerungen und schildert weiter, dass an den Litfaßsäulen Plakate mit Abbildungen von Marlene Dietrich und Zarah Leander hingen, diese Frauen als Vorbilder galten mit ihren langen wohlgeformten Beinen und alle Frauen auch so aussehen wollten.

„Anfangs gab es diese Strümpfe nur mit der rückwärtigen Naht, die immer ganz gerade und akkurat sitzen musste, denn darauf achteten speziell die Männer! Dazu trugen wir Schuhe mit hohen Absätzen und man konnte sich so direkt etwas älter stylen. Ich kam mir sehr erwachsen vor, “ blickt die Seniorin zurück. Die Naht sollte allerdings nicht bewusst die Männerblicke auf die Beine ziehen, sie entstand schlicht und ergreifend dadurch, dass die Technik der Wirkmaschinen noch nicht in der Lage war „Rundlinge“ produzieren zu können. Beim Zusammennähen des Gewebes entstand deshalb eine Naht.

Und dann die Sache mit den Laufmaschen… die leider bis heute ärgerlich geblieben ist. Bei den heutigen Preisen jedoch ist ein schneller Neukauf möglich, was damals ganz anders aussah. Rupprecht erzählt, wie sehr die Frauen auf Hände und Nägel achteten, damit bloß kein kleinstes Fädchen gezogen wurde oder gar eine Laufmasche entstand. Glücklicherweise gab es recht schnell Fachgeschäfte, die sich auf das Aufnehmen und Kunststopfen der Laufmaschen spezialisiert hatten. Die Reparaturen lohnten sich auf jeden Fall, denn Nylonstrümpfe waren extrem teuer und Rupprecht konnte sich erst als Lehrmädchen zur Rechtsanwaltsgehilfin von ihren verdienten 50 Deutschen Reichsmark Nylonstrümpfe selbst kaufen.

Frauen, die sich das nicht erlauben konnten, hatten eine preiswerte Art und Weise gefunden, zumindest den Anschein zu erwecken, ihre Beine seien „bestrumpft“. Mit speziellen Farben oder Kaffeesatz strichen sie ihre Beine an und zogen mit einem Augenbrauenstift eine Naht. Wie man sich denken kann, gelang Letzteres selten allein. So war das also vor rund 70 Jahren.

Und heute? Mit dem Fortschritt der Technik konnten Strümpfe ohne Naht hergestellt werden und noch später kam die heute so beliebte Strumpfhose auf den Markt. Auch die Denier-Werte (variierten von hauchzart (7-10 Den) über die gängigen Stärken (15-20 Den) bis hin zu teilweise oder völliger Blickdichte (30-80 Den). Hierbei handelt es sich um die Stärke des Garns und darum, wie durchsichtig der Strumpf ist. Heute gibt es Strümpfe in großer Farb- und Mustervielfalt zu kaufen und wohl kaum Jemand denkt an die Zeit zurück, als Nylons noch rund 200 Deutsche Reichsmark kosteten – dem Monatsgehalt einer Sekretärin.

 

1 Kommentar

  1. Hallo Ute, auch dieser Artikel „Nostalgie pur“. Erinnerungen wurden wach. Ausführlicher kann man es nicht schildern. Von den uralten Senioren wird sich manch einer an diese Nachkriegszeit erinnern. Die Zeiten damals und heute kann man wirklich nicht vergleichen und der Fortschritt nimmt weiter seinen Lauf. Die Zeit bleibt nicht stehen – auch wenn man sie manchmal anhalten möchte -.
    In diesem Sinne liebe Grüße und mach weiter so, Marlis

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