„Weißt Du noch?“

Jahreszahlen als wiederkehrendes Foto zur Serie „Weißt Du noch“, Foto Ute Boysen

Weihnachten vor langer Zeit

Dezember – das Jahr neigt sich dem Ende zu und es bleiben uns nur noch wenige Tage bis zum Weihnachtsfest. Was muss noch besorgt, gekauft oder gebastelt werden? Was noch gebacken? Wer kümmert sich um den Baum? Wie immer ist die Adventszeit angefüllt mit Vorbereitungen, lässt uns kaum noch Zeit zum Genießen. War das früher auch so?

Wenn ich hier nun „früher“ schreibe, so meine ich wirklich „vor rund 80 Jahren“. Wie wurde Weihnachten um 1935 herum gefeiert? Marianne Horstmann, 86 Jahre alt erzählt mir von ihren Kindheitserinnerungen dieser ganz besonderen Jahreszeit: „Als einziges Kind und Enkelkind wurde ich doch sehr verwöhnt. Wir fuhren jedes Jahr schon einige Wochen vor Weihnachten nach Lyck, einer kleinen Stadt in Ostpreußen, der Heimat meiner Mutter. Die gesamte Advents- und Weihnachtszeit verbrachten wir dort bei meinen Großeltern. Opa war Kachelofenbauer und auch im Elternhaus meiner Mutter standen solche imposanten Kachelöfen. An die gemütliche Wärme erinnere ich mich noch heute, “ blickt die Seniorin zurück.

WDN, Weihnachten, Marianne Horstmann und Eltern 1933, Foto Marianne Horstmann privat

Bis zum zehnten Lebensjahr reiste Horstmann mit ihrer Familie im Dezember nach Ostpreußen. Doch die Vorfreude auf die herrlichen Winter- und Weihnachtstage ließen die recht beschwerliche und lange Zugfahrt wie im Flug vergehen. „In meinen frühen Kinderjahren fragte ich dann meine Mutter, wann denn endlich der Polnische Korridor käme“, lacht sie und erklärt, dass sie sich diesen als eine Art Flur oder Diele vorgestellt hatte, durch die der Zug hindurchfahren müsse. (Der Polnische Korridor stellt einen Landstreifen dar.)

Bei ihren Großeltern erlebte Horstmann jedes Jahr wieder wunderbare Weihnachtsfeste, die ihr bis heute lebhaft im Gedächtnis geblieben sind. Schlittenfahrten, ostpreußischer Pfefferkuchen oder der erste kleine Puppenwagen – all diese Erinnerungen lassen die Seniorin lächeln. “In der Adventszeit lag hin und wieder ein Leckerchen im Schuh, oder auch eine Feder, “ erzählt sie und dass diese Feder ein Hinweis auf das Christkind gewesen sein sollte. „Es war also schon zu uns geflogen und hatte eine Puppe abgeholt oder ein anderes Spielzeug, welches ich dann neu eingekleidet oder aber neu bemalt am Heiligabend zurück erhielt.“ Die Freude war groß über solch kleine liebevolle Geschenke.

An das Zitherspiel ihrer Mutter erinnert sich Horstmann ebenso, wie an alle anderen Rituale der Weihnachtszeit. Und dazu gehörte ein Buch, das nun schon in vierter Generation in der Familie vorgelesen wird: „Die Familie Pfäffling – eine deutsche Wintergeschichte“ von Agnes Sapper, erschienen im Jahr 1909. „Wir alle liebten diese Familie und das Vorlesen aus dem Buch.“  (Eine Reproduktion des Originals erschien 1979 und ist noch heute erhältlich).

Zwei Tage vor Heiligabend wurde die gute Stube für die Vorbereitungen abgeschlossen und erst am Abend des 24. ertönte das Glöckchen und erlaubte endlich das Eintreten in das „Weihnachtszimmer“. Die Seniorin strahlt noch heute bei ihrer Erzählung über den herrlichen glitzernden Baum, der über und über mit silbernem Lametta, silbernen Kugeln und echten Wachskerzen geschmückt war. Die vielen kleinen Kerzenflämmchen spiegelten sich in den Kugeln und ließen eine Art Lebendigkeit entstehen. Die kleine Marianne war hingerissen von solch einer Pracht. „Wir haben Weihnachtslieder gesungen und ich hatte jedes Jahr wieder ein Gedicht aufzusagen. Vor lauter Aufregung verhaspelte ich mich ein paar Mal, aber das war nicht schlimm.“ Der bunte Teller mit den polierten roten Äpfeln, den Feigen und den Schokoringen stand bereit und die Erwachsenen erhielten von den Großeltern Königsberger Marzipan in einer Pralinenschachtel – auch dies ein traditionelles Geschenk und noch heute erhältlich über die Firma MEST-MARZIPAN GmbH in Lübeck.

WDN Weihnachten, Schlittenfahrt 1941 Marianne und Familie, Foto Marianne Horstmann privat

Abschließend besuchte die ganze Familie am Heiligabend den Mitternachtsgottesdienst. „Später in der Nacht erreichten wir dann ziemlich durchgefroren das Haus meiner Großeltern und genossen die heimelige Wärme der Kachelöfen.“ Bis zum zehnten Lebensjahr erlebte Horstmann diese wundervollen Weihnachtsfeste, dann fuhr die Familie aufgrund der Kriegszeit nicht mehr nach Ostpreußen.

„Nun bekam ich zwei Schwestern und die Advents- und Weihnachtszeit wurde lebhafter. Vater bastelte den Adventskranz, der verziert mit roten Kerzen und roten Bändern aufgehängt wurde. Meine Eltern begannen den ostpreußischen Pfefferkuchen hier in Bocholt zu backen. Durch den hohen Honiganteil war es sehr mühselig den Kuchenteig zu kneten. Das hat mein Vater übernommen und das Backen war zugleich eine schöne Familienbeschäftigung. Die fertiggebackenen Stücke des Blechkuchens wurden vorsichtig in eine große goldene Gebäckdose mit Rosenverzierung gelegt und aufbewahrt. „Und jedes Jahr im Advent packten wir für die Großeltern ein Paket und schickten auch diesen Kuchen nach Lyck“.

In Bocholt fand die Bescherung vor rund 70 Jahren erst am Morgen des 1. Weihnachtstages statt, doch alle anderen traditionellen Weihnachtsrituale hat sich die Familie bis heute erhalten. „Bis auf den Karpfen“, lacht Horstmann. Den gab es damals nur bei den Großeltern.

Und heute? Alle Christen auf der Welt feiern Weihnachten. Mal gesellig, mal beschaulich, sehr religiös oder aber humorvoll. Mal mit Tanz und Gesang, mal mit Freunden oder der Familie. Aber alle denken wir an die Heilige Nacht vor langer Zeit.

 

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