Wir spielten noch draußen

Jahreszahlen als wiederkehrendes Foto zur Serie „Weißt Du noch“, Foto Ute Boysen

„Weißt Du noch?“

Hin und wieder erklingt Kinderrufen, Kinderlachen oder auch Schreien da draußen im Wohngebiet. Hin und wieder, also eher selten. Und manchmal sieht man bunte Kreidemalereien auf dem Gehweg. Das war früher anders, zum einen weil es einfach mehr Kinder gab als heute und zum anderen, weil sich das Spielverhalten ganz allgemein verändert hat. Seniorin Elsbeth L. (81) erzählt aus ihrer Kindheit in Bocholt.

„Ich habe sieben Geschwister und wir haben damals wirklich noch draußen getobt und gespielt“, erinnert sie sich und daran, dass auf den Straßen gespielt wurde. Undenkbar heute, doch damals gab es nur spärlichen Autoverkehr und die Kinder hatten Platz genug sich beim Spielen und Toben auszubreiten.

Die Seniorin lächelt in der Erinnerung an so manch ein gängiges Spiel in den Kriegs- und Nachkriegsjahren, die sie, 1936 geboren, als Kind mehr oder weniger intensiv miterlebte. „Völkerball, Bäumchen verwechsle dich und verstecken, das haben wir immer gespielt und bei dem einen oder anderen Ballspiel wurden wir von den Erwachsenen verjagt“, lacht sie, denn „einen Ball immer und immer wieder an die Hauswand zu werfen oder zu schießen, das nervte natürlich“. Manchmal allerdings, so sagt sie, hatten die Erwachsenen auch Verständnis und ließen die Kinder mit den Worten „ja ihr müsst ja auch spielen“ gewähren. Die Murmeln oder auch Knickerkugeln waren ein beliebtes Geburtstagsgeschenk und das Spiel damit hat sich sogar bis heute erhalten können.

„Ach da fällt mir auch noch der Driewel-Klon ein“, freut sich die alte Dame und muss mir den Begriff erklären. Es handelt sich um einen Kreisel und um einen Stock, an dem ein Band befestigt ist. Mit diesem Band wird der Kreisel immer wieder angedreht, damit er beim „Kreiseln“ Geschwindigkeit aufnimmt. Das Bandeln ist mir ebenfalls fremd und die Seniorin erklärt mir auch dieses Spiel: „Wir haben von der Fahrradfelge die Speichen entfernt und dann mit einem Holzstab die Metallfelge angetrieben, damit sie über die Straße rollen konnte und sich so fortbewegte. Wir rannten dann daneben her und mussten die Felge immer wieder mit dem Stab antreiben.“

Serie WDN, Wir spielten noch draußen, Kinderhände im Sand, Foto momosu_pixelio.de

Die Spiele durften ja nichts kosten und so hatten die Kinder immer neue Ideen für Beschäftigung und Unterhaltung in der freien Natur. „Messerkes picken fällt mir noch ein“, sagt sie und sieht meinen fragenden Blick „ja die Jungs hatten ja früher ab einem bestimmten Alter alle ein so genanntes Fahrtenmesser. Dann haben sie dieses Messer in losen Sand geworfen, so dass es stecken blieb. Hierfür gab es unterschiedliche Punkte.“

Um 1942 herum hatten ihre Eltern wie andere Erwachsene in diesen Jahren auch, weder das Geld Spielsachen zu kaufen, noch gab es überhaupt die Möglichkeit sie zu erwerben. „Es war auch die Zeit der Hausmusik“, sagt sie. Kreativität war also gefragt und davon hatten gerade die älteren Kinder schon eine ganze Menge. „Stelzenlaufen war äußerst beliebt bei uns und mein älterer Bruder war bereits Schreiner und machte mir diese Holzstelzen. Andere Kinder nahmen für dieses Fortbewegungsspiel einfach alte Konservendosen, befestigten lange Taue daran und hielten dann rechts und links diese Taue hoch, um auf den Konservendosen zu laufen“.

Serie WDN, Wir spielten noch draußen, Foto Rike_pixelio.de

Die Mädchen flochten aus gepflückten Gänseblümchen Haarkränze oder sammelten diese Blumen für die Mai-Altärchen. Das Hinkeln mit Holzklötzchen (in späteren Jahren auch mit Schuhputzdosen) oder das Leute veräppeln, indem eine alte Geldbörse an einem dünnen Faden befestigt auf den Gehweg gelegt wurde. Bückte sich ein Erwachsener, um diese Geldbörse aufheben zu wollen, dann zogen die Kinder aus benachbarten Büschen heraus den Faden mit der Geldbörse ruckartig zurück und hatten ihren Spaß.

Und heute? Auf den Spielplätzen sind häufig nur Eltern mit Kleinkindern zu sehen, die Schulkinder beschäftigen sich mit ihrem Mobiltelefon, tragen Kopfhörer im Ohr, um Musik zu hören oder rasen schnellstmöglich mit ihren Fahrrädern von A nach B – zum nächsten Kurs, Verein oder Facebook-Treffen am Computer. Draußen im Wohngebiet herrscht Ruhe. Irgendwie schade.

Kommentieren Sie den Artikel

Please enter your comment!
Please enter your name here